Es gibt sicher einige Bücher aus dem Bereich der britischen Spannungsliteratur, welche man so schnell nicht vergessen kann und die einen auch nach Beendigung der Lektüre noch tagelang beschäftigen können. "Ins Leben zurückgerufen", der vierzehnte Fall mit dem Ermittlerduo Dalziel und Pascoe, gehört allerdings nicht dazu.
Auch wenn Reginald Hill zweifelsohne zu den ganz großen seiner Zunft zählt: Hier ist man am Ende einfach nur noch froh, dass man den Wälzer von mehr als 500 Seiten hinter sich gebracht hat, was natürlich nicht für den Spannungsgehalt des Buches spricht. Und nein, fesselnd ist dieser vierzehnte Teil auch nicht, wenngleich man Hill in punkto literarischer Qualität einmal mehr keinen Vorwurf machen kann. Wo liegen die Schwächen? Am Aufbau der Geschichte sicherlich nicht, denn die beginnt verheißungsvoll und führt uns zurück auf einen englischen Landsitz im Jahre 1963.
Während gleichzeitig die Auswirkungen des Profumo-Skandals (ein Minister der Krone unterhält eine sexuelle Beziehung mit einem Freudenmädchen, das auch einen hohen Sowjet-Offizier "bedient") Großbritannien erschüttern, sorgt ein Mordfall im Hause Ralph Mickledores für unerwünschtes Aufsehen. Hohe politische und gesellschaftliche Amts- und Würdenträger gehören zu den Verdächtigen, was die obersten Behörden zu einer entsprechenden Reaktion zwingt. Der Fall, wie sicher später herausstellt, der letzte des Goldenen Zeitalters, soll schnell abgeschlossen werden und der ermittelnde Beamte, damals Andy Dalziels direkter Vorgesetzter, kommt nach genauer, aber schneller Überprüfung der Indizien zu einem Ergebnis. Mickledore wird als Täter mitsamt seiner Komplizin, dem Kindermädchen Cissy Kohler verhaftet. Ersterer stirbt im 1964 als letzter zum Tode Verurteilter in England durch den Strang, Kohler verbüßt eine jahrelange Freiheitsstrafe. Nach nun 27 Jahren kommen plötzlich Zweifel an der Richtigkeit des Urteils auf. Cissy Kohler wird entlassen, der Fall neu aufgerollt.
Dalziel, als junger Polizist damals auf Mickledore Hall anwesend, sieht nun den Ruf seines alten, mittlerweile verstorbenen Mentors gefährdet und nimmt die Sache einmal mehr sehr persönlich. Gemeinsam mit Pascoe, den er zur Zusammenarbeit "überredet", stellt er eigene Ermittlungen an...
Was folgt ist ein langatmiger Wälzer, der nur dank einem Element überhaupt lesbar ist: Andy Dalziel. Einmal mehr ist es die Darstellung des pöbelhaften, jegliche Bildung und Einmischung verabscheuenden, selbstgefälligen Instinktermittlers, welche Hills Werk trägt und die mich in all der Monotonie zum lauten Auflachen gezwungen hat. Einfach nur köstlich, wie der Chief Superintendent mit der Grazie eines Elefanten im Porzellanladen ehemalige Zeugen befragt, unbarmherzig mit seinem persönlichen Sinn für Gerechtigkeit voranstürmt, ohne in irgendeiner Art und Weise Rücksicht auf irgendetwas zu nehmen. Und dennoch schimmert hinter dem fetten, rohen Kerl stets ein messerscharfer, kriminalistischer Geist durch, der nicht selten Pascoes blindes Umhertappen korrigieren muss und hier die Vorgesetzten zum Handeln zwingt. Den Zwangsurlaub aus der Chefetage nutzt Dalziel, davon völlig unbeeindruckt, für einen Abstecher in "die alten Kolonien", wobei er schon bei seiner Landung in New York für dicke Schlagzeilen sorgt.
In altbekannter Manier von Hill geschrieben, unterhält der mit Sprachwitz getränkte Plot dann auch stellenweise, um aber immer wieder an anderen Stellen das Tempo zu verlieren. Wie beim Waten im Sumpf kommt man nur mühsam voran, entwickelt sich kaum Spannung. Hill legt gleich mehrere falsche Fährten aus, welche nur mit höchster Konzentration verfolgt werden können und die mich desöfteren einfach nur verwirrt haben. Wer war jetzt noch mal wer? Welche Person hat in seiner Jugend zweimal den Namen geändert? Und wie heißt er jetzt? Der Spaß bleibt hier auf der Strecke, was zusätzlich auch noch daran liegt, dass in Dalziels One-Man-Show Peter Pascoe völlig untergeht. Schade, da von ihrem Zusammenspiel die Reihe und nicht selten damit auch die Spannung lebt.
Insgesamt ist "Ins Leben zurückgerufen" ein sehr schwaches Buch, das den Grundaufbau des klassischen Whodunits mit einem gesellschaftlichen Thriller der Neuzeit zu vermischen versucht und dabei dick Schiffbruch erleidet. Ein arbeitsreiches und meiner Meinung nach am Ende auch nicht lohnendes Leserlebnis, das zu den schwächsten Teilen aus dieser Serie gehört. Hill Fans dürfen sich das gern antun, alle anderen sollten unbedingt die Finger davon lassen.