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Karin1970

Vor 3 Jahren

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Was passiert, wenn Geschwisterliebe in Hass umschlägt?

Franka und Lydia waren einst ein Herz und eine Seele. Für Lydia war Franka Mutterersatz und Schwester zugleich. Wenn die Mutter mal wieder weggetreten und nicht ansprechbar war, hat Franka sich um ihre Schwester gekümmert.

Franka bedeutete für ihre Mutter das Karriereaus. Als sie schwanger wurde musste sie die Schauspielerei an den Nagel hängen. Das lässt sie ihre Tochter oft spüren. Lydia hingegen wird von der Mutter geliebt. Für den Vater ist Lydia der Grund warum er bei seiner ungeliebten Frau bleiben muss. Die Eltern lassen die knapp dosierte Zuneigung nur jeweils einem Kind zukommen und treiben so einen Keil zwischen die beiden, der sich als eine unüberwindbare Mauer herausstellt.

Lydia ist ein unsteter Geist, konsumiert Drogen und verschwindet immer wieder für längere Zeit. Taucht sie wieder auf, muss Franka sich um alles kümmern. Als Lydia ein Kind bekommt und Franka sich einmischt, verschwindet sie ganz und lebt irgendwo in Indien.

Franka ist entgegen ihrer Schwester sehr strukturiert. Sie tut sich schwer damit jemanden in ihr Leben zu lassen. Selbst Jan, ihr Freund hat keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Und dann steht nach 5 Jahren plötzlich Lydia an der Tür. Sie und ihre Tochter Merle wirken unterernährt und verwahrlost.

Lydia möchte mit Merle bei Franka wohnen, als diese sich weigert bricht Lydia zusammen und muss ins Krankenhaus. Sie ist schwer krank und Franka muss sich entscheiden, ob sie sich um Merle kümmern wird. Diese macht es ihr nicht gerade leicht und nur langsam kommt eine Beziehung zustande.
Langsam schaffen es die Schwestern die Schärfe aus ihren Stimmen zu nehmen und die gegenseitigen Beschuldigungen klingen ab. Fast blitzt durch die verhärtete Fassade eine Vertrautheit auf und Liebe wie damals, als sie klein waren. Doch dann ist Lydia plötzlich verschwunden.

Große Faszination hat die sprachliche Qualität der Autorin bei mir ausgelöst. Grob und ohne Beschönigungen beschreibt sie die Beziehungen in der Familie und die spätere Beziehung der Schwestern zueinander.

Die Autorin Renate Ahrens schreibt in der Gegenwart und entführt uns immer mal wieder in die Vergangenheit der Schwestern, in der wir erfahren, warum alles so gekommen ist. Und warum jede auf ihre Art verbittert ist. So lässt sie am Anfang des Romans nur Verachtung zu, diese spüren wir beim Lesen. Aber beharrlich wächst immer mehr die Hoffnung. Nichts im Leben kann so schlimm sein, dass man sich für immer hasst.

Ein Roman über Gewalt in der Familie, Gewalt, die sich in Liebesentzug und Bevorzugung zeigt. Die Narben, die dies hinterlässt sind mit dem bloßen Auge nicht erkennbar. Und ein Roman über Vergebung und Verantwortung. Renate Ahrens zeigt auf, wie wichtig ein intaktes Familienleben ist und welche Verantwortung bei den Eltern liegt.

Berührend und schockierend, mein Highlight des Monats Juni 2011.

Autor: Renate Ahrens
Buch: Fremde Schwestern
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