Leser-Rezension zu „Das größere Glück” von Richard Powers
am 1.11.2009
Ein enttäuschendes Geschenk
Man raschelt daran und rüttelt und horcht und im Prinzip, ist es, solang es da ungelesen oder angefangen auf dem Nachtisch liegt ein bisschen so, als würde man den ganzen Mittag des Heiligen Abends vor seinen Geschenken sitzen ohne sie aufmachen zu dürfen. Denn wer Powers kennt, der weiß: Das Entscheidende verbirgt sich am Schluss, unter all dem bunten Papier.
Und so ist es auch bei "Das größere Glück".
Wir lernen zuerst einmal Russel Stone kennen, einen ängstlichen, geknickten Zeitgenossen, um nicht zu sagen ein gebranntes Kind seiner Zeit. Anfang dreißig, fühlt er sich schon viel älter. Man merkt, dass er nicht mehr wirklich viel vom Leben erwartet und auch nicht richtig daran glaubt, als in seinem Unterricht für freies Schreiben auf einmal Thassa auftaucht, das Glück auf zwei Beinen. Sie geht anders, redet anders und lacht anders als der unglücklichere Teil der Welt, also eigentlich der ganze Rest und versetzt jeden, der ihr ein wenig Aufmerksamkeit schenkt in einen eigenartigen Zustand der sanften Euphorie. Doch während ihre Mitstudenten und Russell ihre Freunde werden und sie als ein Geschenk betrachten, geben sich andere nicht damit zufrieden. Eine Ereigniskette sorgt dafür, dass Thassa erst von der Wissenschaft und dann vom Fernsehen entdeckt wird und schließlich von der gnadenlosesten und vielfältigsten Instanz überhaupt: Der Öffentlichkeit. Innerhalb kürzester Zeit wird sie zur Zielscheibe verschiedenster menschlicher Emotionen und Entartungen und langsam beginnt ihr Fundament zu bröckeln und man begreift, dass auch die glücklichsten Menschen Dinge brauchen, die kein Gen ihnen mitgeben kann.
Richard Powers ist einer der besten Erzähler der Gegenwart, das hat er mit seinem "Klang der Zeit" damals bewiesen. Doch um immer der beste zu sein, muss man auch Konstanz zeigen und leider, leider unterbricht er die hier ein wenig. Ich denke, dass er schon wesentlich besser war. Die Figuren im Roman wirken auf mich weniger lebendig und sind mir weniger greifbar, der Plot an sich weit weniger packend. Ich habe mich vor allem die ersten zwei Kapitel (das Buch hat 5) gefragt, worauf Powers denn überhaupt hinauswill und was er zu konstruieren versucht, denn genau so wirkt der Roman einfach einen Tacken zu stark: Konstruiert. Für mich ist vor allem die Protagonistin Thassa überhaupt keine glaubwürdige Figur, und das nicht etwa, weil sie dauerhaft glücklich ist, sondern weil die tatsächlichen Auftritte, die sie im Buch hat, keine rechte Person ergeben. Erst zum Schluss wird sie mir - absurderweise durch einen versuchten Selbstmord- ein wenig lebendiger, man erfährt etwas davon, was in ihr vorgeht und nicht wie sie nach außen hin wirkt.
Ein ganz klein wenig für Mangelndes im Buch entschädigt natürlich das Power'sche Ende. Glück, menschliche Beschaffenheit, Wissenschaft und das Schreiben sind die roten Fäden, die er, wie es auch im Buch heißt, am Ende nicht zusammenführt, sondern vielmehr die Knoten in ihnen löst, die die Geschichte hineingesponnen hat.
Ganz recht, weiß ich immer noch nicht, wo dieses Buch einzuordnen ist, aber 5 Sterne hat es nicht ganz verdient.

