Leser-Rezension zu „Verliebte Lügner” von Richard Yates

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StefanSchulze StefanSchulze
Verfasst von StefanSchulze
am 4.02.2011
 

Will man literarische Entdeckungen vorstellen, greift man häufig zu bekannten Vorbildern. Rezensenten, die sich mit Werken des Amerikaners Richard Yates befassen, rufen dabei meist die ganz großen Namen auf. Die „Ahnenreihe“ umfasst neben renommierten Zeitgenossen wie Richard Ford und John Updike mit Ernest Hemingway, J.D. Salinger oder James Joyce auch Ikonen der Weltliteratur.
Diese etwas heterogene Gruppe von Repräsentanten einer ersten Liga, in der Yates demnach schreibt, lässt viel erwarten. Zunächst ist es aber angebracht, im Falle des 1926 geborenen Autors nicht von einer Neu-, sondern von einer Wiederentdeckung zu sprechen. Ausgewählte Werke des lange auch in seiner Heimat in Vergessenheit geratenen Yates liegen seit Anfang 2000 auch in deutscher Übersetzung vor. Der Erzählband „Verliebte Lügner“ ist insofern vielversprechend, weil die darin versammelten Kurzgeschichten häufig herangezogen werden, um den 1992 verstorbenen Autor auf dem Höhepunkt seiner literarischen Schaffenskraft zu präsentieren.
Yates Sujet ist das Scheitern, und die hervorragendste Charaktereigenschaft seiner Protagonisten ist die Fähigkeit, das Scheitern zu ignorieren. Es geht Yates nicht darum, zu schildern, wie Menschen diese existenziellen Situation erleben und verarbeiten, sondern wie es ihnen gelingt, konsequent davor die Augen zu verschließen. Folgen dieses Scheiterns werden allenfalls belanglos angedeutet. „Sie stand damals am Beginn des Kampfes gegen den Alkohol, den sie letztlich verlieren sollte“, verrät Yates am Ende des ersten Geschichte mehr als beiläufig über die Zukunft jener mittelmäßigen Bildhauerin Helen, die eine Büste des neu gewählten Präsidenten Franklin D. Roosevelt geschaffen hat. „Alles in sich unter Verschluss zu halten“, dieses Lebensprinzip yatesscher Helden gelingt dem von der Tochter in langen Jahren gedemütigten Vater aus „Ein natürliches Mädchen“ schließlich nur mit Hilfe des Alkohols – ein immer wieder auftretendes biografisches Motiv im Werk von Richard Yates.
Die Spannung zwischen Anspruch und Scheitern, zwischen funkelnden Lebensträumen und trüber Realität ist die Grundlage des Tragikomischen. Bei Yates jedoch erstickt der Stil das Komische und macht zugleich das Tragische vordergründig erträglich. Was wie die langweilige Nivellierung emotionaler Reaktionen klingt bedeutet tatsächlich einen radikalen Realismus, der sich keine Ausflüchte gestattet. Weder gönnt der Autor sich und seinen Lesern ein befreiendes Lachen, noch tröstete er uns mit einer Überhöhung banaler Verstrickungen und Lebensumstände ins Unvermeidliche oder Schicksalhafte. Es ist, wie es ist – diesem Prinzip folgend scheint Yates seine knappen, schlichten, sprachlich von allem Zierhaften und inhaltlichen von jeder Illusion befreiten Sätze zu formulieren. Hier liegt der Ursprung der so oft beschworenen, radikalen Trostlosigkeit seiner Prosa. Yates sei ein Autor, der sich nicht zum Zitieren eigne, bemerkte der begeisterte Rezensent der New York Times, als die Originalausgabe von „Verliebte Lügner“ 1981 in den USA erschien. Das stimmt. Ihre Wirkung entfaltet Yates’ im besten Sinne einfache Prosa nur im Kontext. Sie präsentiert die Lebenslügen und Selbsttäuschungen, mit denen sich seine Protagonisten gegen das Scheitern wehren, in unaufgeregt beiläufiger und eben deshalb so schonungsloser Form.
Literatur als Lebenshilfe, das war gewiss nicht das Anliegen dieses Schriftstellers, der wie seine Romanfiguren zu Lebzeiten vergeblich auf Anerkennung gehofft hat. Yates zu lesen bedeutet, den unvermeidlichen Rissen und unansehnlichen Reparaturen mittelständischer und mittelmäßiger – und am Ende einfach menschlicher – Existenz, ihren ruhmlosen Konflikten und hilflosen Reaktionen, ihrem banalen Leid und lächerlich anmutenden Begehren im Bewusstsein der Ausweglosigkeit direkt ins Antlitz zu blicken. Nicht mehr, und vor allem nicht weniger.

 

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Verliebte Lügner Verliebte Lügner
Richard Yates

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