Leser-Rezension zu „Schlafes Bruder” von Robert Schneider
am 3.05.2010
Wie üblich, habe ich nach Beendigung der Lektüre das Buch erstmal einen Tag "sacken lassen", und das war auch gut so. Jetzt kann ich -vorsichtig - daran gehen, meine Eindrücke in einer Rezension wiederzugeben.
Mir ist aufgefallen, dass man aus verschiedenen Gründen 5 Sterne vergeben kann. Zuletzt war das bei mir bei dem Buch "Zwei an einem Tag" der Fall, aber dennoch würde ich jenes Buch mit "Schlafes Bruder" auf gar keinen Fall auf eine Stufe stellen. Ich möchte den Unterschied einmal so formulieren: Man kann entweder von einem Buch wirklich ergriffen sein, es trifft einen sozusagen mitten ins Herz - oder aber man staunt über die grandiose Machart, die man ganz sachlich erkennt, ohne gleich emotional berührt zu sein. Man verneigt sich sozusagen vor dem Können des Autors. Nun, und "Schlafes Bruder" gehört für mich ganz eindeutig in die zweite Kategorie.
Ich hatte sehr instinktiv nach diesem Buch gegriffen, weil es schon seit Jahren ungelesen im Regal stand. Es schien mir gerade kurz und dennoch anspruchsvoll genug, um mich von meinem aktuellen Testlesebuch-Wälzer abzulenken. Und wieder hat mich mein Instinkt nicht getrogen.
Inhalte wiederzukäuen, ist nicht meine Art. Daher nähere ich mich diesem Buch einmal aus vier unterschiedlichen Ecken: a) Vergleiche mit anderen berühmten Werken, b) Sprache, c) Aufbau, und d) Atmosphäre.
zu a).
Verschiedentlich war mir zu Ohren gekommen, das Buch ähnele ganz besonders dem "Parfum" von Süskind, und der "Blechtrommel" von Grass. Ohne krampfhaft nach Vergleichen gesucht zu haben beim Lesen, kann ich nun doch sagen, dass diese Parallelen durchaus recht stark vorhanden sind. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass der Autor bewusst kopiert hätte. Nein, eher würde ich es als eine Art "Seelenverwandtschaft" beschreiben. Für mich hätte die Geschichte um den genialen, aber leider auch verrückten Musiker Elias Alder auch gar nicht anders erzählt werden können als eben genau so!
Wie im "Parfum" handelt es sich um einen Menschen mit einer extremen Sonderbegabung, die ihn leider auch aus seinem Umfeld ausgrenzt und einsam werden lässt. Genau wie Grenouille wird Elias Alder schließlich (auch) durch dieses Talent zur eigenen Selbstzerstörung getrieben. Besonders die Szene beim Musikwettbewerb, den Elias natürlich gewinnt, hat mich an das "Parfum" erinnert, da auch hier eine Art Massenhysterie entbrennt.
An die "Blechtrommel" erinnern verschiedene persönliche Charakteristika des Protagonisten. Im Kindesalter hat er ein einschneidendes Erlebnis, er sieht als Knabe schon aus wie ein Mann. Auch die Stellen mit seiner glasklaren, pfeifenden Stimme, mit der er sogar Tiere per Ultraschall herbeirufen kann, ließ mich deutlich an Oskar Matzerath denken.
zu b).
Die Sprache hat für mich schon fast die Rolle eines eigenen, handelnden Charakters. Sie ist sehr altertümlich, ja geradezu archaisch, aber gerade dadurch passt sie perfekt zu der Stimmung, die erzeugt werden soll. Schließlich spielt die Handlung vor weit mehr als hundert Jahren in einem österreichischen Bergdorf, und man kann sich unschwer vorstellen, dass die Personen damals genau so geredet haben. Ferner ist die Ausdrucksweise mit zahlreichen, typisch regionalen Ausdrücken durchsetzt. Oft musste ich nachdenken, aber durch den Zusammenhang konnte ich mir dann erschließen, was das jeweilige Wort bedeuten sollte.
Insgesamt eine sehr ungewöhnliche, aber einprägsame Erzählweise!
zu c).
Der Aufbau des Buches ist sehr kreativ, weil eben nicht streng geradlinig. Das Buch wird zunächst gewissermaßen "rückwärts" aufgerollt. Es beginnt mit einer allerletzten Szene, geht dann über zur Schilderung des Schicksals des Dorfes an sich, bevor es (in Rückblenden) auf Elias Alder zu sprechen kommt. Elias' Leben wird dann halbwegs chronologisch geschildert, ist aber wiederum durchsetzt von zahlreichen Einschüben des Autors, in denen sich der Autor direkt an die Leser wendet, ihnen etwa eine Auslassung erklärt oder sie um Verständnis bittet. Dadurch wird natürlich eine gewisse Distanz zum erzählten Stoff erzeugt, aber gleichzeitg empfand ich dies als wirkungsvolles Mittel. ich glaube, das Ziel des Autors war es nicht, Sympathien für Elias zu wecken, sondern an diesem Menschen exemplarisch zu zeigen, wie nahe Genie und Wahnsinn liegen können, und wie sehr die Umgebung oft dazu beiträgt, über den Erfolg oder Misserfolg eines Lebens zu entscheiden.
zu d).
Das Buch atmet für mich sozusagen Atmosphäre! Wie ich unter Punkt c) schon sagte, geht es meiner Meinung nach nicht einmal in der Hauptsache um Elias, wie in einem üblichen Roman. Sicher, es wird sein Leben geschildert, aber eben exemplarisch gemeint. Das eigentlich tragende Element des Buches ist für mich die Atmosphäre, die geradezu geniale Schilderung der Engstirnigkeit und Beengtheit eines Lebens in einem österreichischen Bergdorf. Bisweilen beschlich mich der Verdacht, der Autor habe mit seiner eigenen Jugend abrechnen wollen, da auch er in einem Dorf aufwuchs. die Gegend und soziale Schicht der österreichischen Bauern kommt jedenfalls gar nicht gut weg! Meine Güte, da hätte ich wirklich nicht leben wollen. Inzucht, alltägliche Grausamkeiten, Stumpfsinn, geistige Verwirrung, Absonderlichkeiten jedweder Art, Aberglauben, Klatsch und Tratsch - das Buch breitet ein breites und beeindruckendes Panorama aus, das mich irgendwie auch an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnert hat. Man muss die geschilderte Gegend halt nicht mögen, aber toll geschildert ist sie!
***
Insgesamt gesehen, hat mich das Buch auf ganzer Linie schwer beeindruckt. Es ist hoch originell aufgebaut, führt seine Themen überzeugend ein, und reißt jeden Leser mit, der bereit ist, auch einmal unsympathische Schilderungen mitzuerleben.
Hut ab!

