Leser-Rezension zu „Der Knacks” von Roger Willemsen
am 19.06.2009
Roger Willemsen widmet sich in seinem umfassenden Essay dem Werden und Vergehen des menschlichen Lebens. Er beschreibt darin nicht nur die großen Brüche wie Krankheit und Tod sondern vorrangig die unsichtbaren und schleichenden Prozesse, die dem Leben plötzlich eine neue Richtung geben. Diese Zäsuren, die scheinbar unmerklich in unser Leben dringen und einen dann spüren lassen, dass nichts mehr so ist, wie es eins mal war. Der „Knacks“ wird hier als symbolhafte Erscheinung wie in einem alternden Ölbild beschrieben. Dieser Haarriss in einem vom Alterungsprozess gezeichneten Ölbild ist anfangs nur schwer zu erkennen. Analog, so der Autor, verhält es sich mit den Übergängen von Entwicklungsstufen und Alterungserscheinungen im menschlichen Leben, die Mängel werden erst im Laufe der Zeit sichtbar und spürbar.
Diese Veränderungen werden hier nicht nur aus autobiografischer, Willemsen verlor seinen Vater bereits im Alter von fünfzehn Jahren, geschildert, sondern auch aus kulturhistorischer Sicht beleuchtet. So finden sich diese „Verluste“ in allen Bereichen des menschlichen Daseins, sowohl in der Kunst als auch in der modernen Arbeitswelt. Denn auch der große dänische Existenzialphilosoph Kierkegaard schrieb über dieses Phänomen: „Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, kann aber nur vorwärts gelebt werden.“
„Der Knacks“ ist somit eine große Reflexion, ein intellektueller Disput, ein philosophischer Diskurs mit dialektischen und empirischen Erkenntnissen. Roger Willemsens Gedankenspiele lassen innehalten und regen sehr zum Denken an. Sein Schreibstil fordert jedoch dem Leser einiges an Konzentration und Geduld ab. Dem Autor lässt sich zwar eine große Sprachbegabung attestieren, er beherrscht einen assoziativen und detailfreudigen Sprachduktus, dennoch wäre es manchmal besser gewesen, direkter und verständlicher auf den Punkt zu kommen. Leider wirkt es manchmal sehr angestrengt, überfrachtet und manieriert, gerade dann wenn Herr Willemsen artifizielle Wortspiele und Gedankeneskapaden vom Stapel lässt.
Alles in allem ist es dennoch ein lesenswertes Buch, auch wenn einem manchmal als Leser das Gefühl beschleicht, dass Herr Willemsen durch seinen sezierenden Blick und seiner Sublimierung alles Erlebten und Gefühlten, selber keine Gefühle mehr zu lassen möchte, was ja schade wäre und dem widerspricht was auch bereits John Lennon dazu zu sagen hatte: „ Das Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“

