Wilbur ist klein. Viel kleiner, als alle anderen. Und Wilbur ist anders. Er hat einen starken Willen. Er hat Ideen, viele verrückte Ideen. Wilbur hat keine Freunde, fast keine, bis auf Conor. Wilbur hat keine Eltern, seine Mutter stirbt bei seiner Geburt (wofür er sich ewig die Schuld zuschreibt), sein Vater verschwindet, er landet im Waisenhaus und schließlich auf dem Land, bei Orla, seiner Großmutter und ihrem in sich gekehrten, mehr und mehr verrückt werdenden Mann. Wilbur erwacht, nachdem er gar nicht versucht hat zu schwimmen, sondern einfach nur untergehen wollte, in einer Klinik für.. nun, nennen wir es irreversible Andersartigkeit, in der er mit Trotz und eisernem Willen auf Therapievorschläge reagiert. Zuerst spricht er nicht, dann steckt er die Bibliothek der Anstalt in Brand, nur um nicht schon wieder, da er sich aufgrund guter Führung seine Entlassung eigentlich verdient hätte, zu einer ihm nahezu unbekannten Person, seiner ehemaligen Lehrerin abgeschoben zu werden. Niemand ist mehr da aus seiner Verwandtschaft, der sich ihm annehmen könnte, Orla tot, der Pflegevater im Heim - die Restfamilie, die er nie gesehen hat in Amerika.
Wilbur ist ein netter Kerl, der nie gelernt hat, mit seinen Gefühlen klar zu kommen.
Aimee, die Krankenschwester aus dem Heim lässt ihn ihre Brüste anfassen und lockt ihn aus der Reserve. Es entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die aber, nachdem Wilburs grundlose Eifersucht ihn ein ganz klein wenig überreagieren lässt, in ihrem Keim erstickt. Wilbur wohnt in einem Hotel für alte Männer. Lauter Käuze, deren Freundschaft er sich verdient, bis er ihnen zu jung wird. Hinter allem aber steckt die Suche Wilburs nach Nähe, Zuneigung und Geborgenheit und die unendlich scheinende Suche nach seinem Vater.
Eine feine Geschichte, eine traurige, melancholische, nachdenklich stimmende Geschichte, die sich über viele Seiten erstreckt und die Geduld erfordert um das alles erfassen und verarbeiten zu können, was uns Rolf Lappert hier serviert. Es ist ein wenig wie bei einem 7-Gänge-Menü, man isst, macht Pause, denkt nach der zweiten Vorspeise schon, danke, es reicht ich bin satt wie soll ich das alles schaffen, man isst weiter, gewinnt neuen Appetit. Ein Buch das Zeit benötigt und Zeit fordert. Nicht einfach aber einfach schön. Eigentlich.