Koffer packen. In den Bus oder die Bahn einsteigen. Die Fahrt in die neue Welt kann beginnen, das alte wird zurückgelassen – Sicherlich hat der eine oder andere schon einmal darüber nachgedacht, seinem Leben eine neue Wendung zu geben, indem er in ein ganz anderes Land reist, um sein Glück dort zu suchen. Wie es einem Osteuropäer jedoch geht, wenn er, um Geld zu verdienen, in der Metropole London landet, erzählt der Roman „Der weite Weg nach Hause“. Er nimmt zwar ein gutes Ende, aber der Weg dahin ist mit Enttäuschungen und traurigen Erlebnissen gepflastert. Das nur zur Warnung.
DIE FAHRT INS UNGEWISSE
Lev verlässt seine osteuropäische Heimat, seinen ländlich geprägten Heimatort Auror, seine kleine Tochter Maya und seine Mutter Ina. Seine Frau Marina ist vor einigen Jahren mit gerade 36 Jahren an Leukämie gestorben. Mit einem Bus fährt Lev über den halben Kontinent, um in London schließlich sein Glück zu suchen, vor allem eine Arbeit zu finden, um Geld zu verdienen, das er seiner Familie schicken kann.
Doch der 43-Jährige landet nicht in dem Land der Träume, sondern in einem Chaos und in emotionaler Kälte, aus rassistischen Menschen, die ihren Hass und die Vorurteile gegenüber Ausländer kundtun und einer Welt, in dem der Aufstieg mit körperlich, harter Arbeit verbunden ist. Von einem Prospektverteiler für eine Döner-Laden über einen Tellerwäscher in einem stilvollen Restaurant arbeitet/schuftet er sich hoch zu einem wichtigen Mitarbeiter des Hauses. Doch die Beziehung zu Sophie und das Ende lässt Lev fallen. Er wird von einem Tag auf den nächsten gekündet. Auf dem Land erhält Lev schließlich einen neuen Job als Erntehelfer, der ihn allerdings von Christy, einem Iren und einzigem Freund in seiner neuen Heimat, trennt. Trotz seines schmalen Lohnes schickt Lev immer wieder regelmäßig einige Pfund nach Hause. Zudem hält er über sein neu erworbenes Handy Kontakt zu seinem Freund Rudy, der ihn von seinen Erlebnissen erzählt.
Mit der Zeit entsteht in Lev eine Idee, ein Traum, den es zu verwirklichen gilt und zwar in der alten Heimat, da von dort traurige Nachrichten kommen. Doch für seinen Traum braucht Lev eine Menge Geld. Er kehrt nach London zurück, um gleich zwei Jobs zu übernehmen, in einem griechischen Restaurant und in einem Altenheim als Koch. Mit der Zeit trägt er das notwendige Geld zusammen, auch durch ein kleines Erbe, das ihm eine Bewohnerin des Altenheimes vor ihrem Tod überlässt. Schließlich macht er sich wieder auf den Weg nach Osteuropa, um seinen Traum zu erfüllen und seiner Frau ein Denkmal zu setzen.
EIN TRAUM BEGINNT
Für die Reise mit Lev in den Westen gibt es kaum Zeit zum Überlegen. Der Leser sitzt mittendrin im Bus und muss sich damit abfinden, dass die Geschichte, die erzählt wird, zwar ein gutes und teilweise schönes Ende nimmt, aber vor allem über die Schattenseiten berichtet.
Den Rose Tremain hält der westlichen Welt den Spiegel vor, die wenig Verständnis zeigt, wenn ein Mann aus Osteuropa einreist. In vielen Szenen muss Lev sich den ausländerfeindlichen und rassistischen Anfeindungen stellen. Eine der drastischsten Schilderungen beschreibt, wie er von zwei Jugendlichen in der Nacht nach der Arbeit ausgeraubt und verprügelt wird und jene ihn noch aus Ausländer beschimpfen. Wirkliche Hilfe und Verständnis bekommt er eigentlich nur von seinesgleichen, die ebenfalls ihre Heimat verlassen haben, um in England ihr Glück zu suchen. Aber den Osten bezieht Tremain in ihre Kritik ein, die allgemein auf die Kälte in der Gesellschaft und ihre teils menschenverachtenden Strukturen und Seiten zielt. Im Falle des Ostens widmet sich die Autorin an einigen Stellen der Religionsfeindlichkeit des früheren Kommunismus und die spätere Planungslosigkeit im Zuge jener neuen Zeit der westlichen Orientierung ganz nach dem Motto „Wohlstand für alle“. Doch das Motto ist nur Schein und verdeckt die wirklichen Nutznießer von großen Projekten, wie jenes, das schließlich Lev in die Heimat zurückkehren lässt.
Jede Figur in diesem Buch ist sehr plastisch gezeichnet. Da ist beispielsweise Levs Vermieter Christy, der sich ebenfalls wie Lev entwickelt: von einem von Unglück verfolgten, von der Familie verlassenen Mann, dem schließlich in Form einer Inderin das Glück wieder hold ist. Sinnbild für die teils ambivalenten Charaktere ist vor allem Lydia, jene Frau, der Lev im Bus begegnet und die sich bei ihm Chancen ausgerechnet hat, schließlich jedoch nur an seinen kleinen Fettnäpfchen, in die er hineintritt, rummäkelt und am Ende mit einem alten Musiker um die Welt reist. Die schillernste Person ist allerdings Levs bester Freund Rudi: er ist der Mann mit den besten Sprüchen und dem größten Optimismus, der am Ende allerdings auch bröckelt, weil er sich von Lev allein gelassen fühlt. Immer wieder denkt Lev in Rückblenden während seines Aufenthaltes in London an den Freund und die Erlebnisse, die er mit ihm teilte wie er auch immer wieder an seine verstorbene Frau und seine kleine Tochter zurückdenkt.
„Der weite Weg nach Hause“ erzählt eine wunderbare mal melancholisch, mal heitere Geschichte, deren Figuren trotz ihrer Schrullen natürlich wirken. Levs Weg vom armen Propekteausträger zu einem Mann mit einem verwirklichten Traum erscheint sicherlich wie jenes bekannte Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär, aber es zeigt auch, dass wer sich für seine Träume und Wünsche einsetzt, belohnt wird. Vielleicht ist dies die große Weisheit des Buches: Dass der Weg lang und steinig sein kann, aber jeder mit dem Weg wächst, um sich einer selbst gestellten Aufgabe mit aller Kraft zu widmen. Dass es übrigens ein Mann aus Osteuropa schafft und seiner Heimat im Endeffekt trotz der westlichen Glitzerwelt mit ihren teils verlogenen Fassaden treu bleibt, sollte zudem eine kleine Mahnung sein und zum Nachdenken anregen.
ZAHLREICHE PREISE
Rose Tremain, 1943 in London geboren, zählt zu den bekanntesten englischen Autorinnen der Gegenwart. Sie studierte an der Sorbonne und beendete ihr Anglistikstudium an der Universität East Anglia, an der sie später auch als Dozentin für Kreatives Schreiben tätig war. Ihr Debüt, der Roman „Sadlers Birthday“ erschien 1976. Tremain schreibt neben literarischen Texten wie Romanen und Kurzgeschichten auch Hörspiele für das Radio sowie Drehbücher für das Fernsehen. Für ihre Werke erhielt sie eine ganze Menge an Preisen, wie den Whitbread-Preis für den Roman „Die Melodie der Stille“ oder den James-Tait-Black-Memorial-Preis (for fiction) und den Prix Fémina Etranger für den Roman „Die Umwandlung“. Für ihr Werk „Der weite Weg nach Hause“ bekam sie im vergangenen Jahr den Orange Prize of Fiction. Mit ihrem Mann, den Biografen Richard Holmes, lebt sie heute in Norfolk.