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Alle anzeigenMoena
Vor 1 Jahr
(4)Die ganze Welt kennt die Verbrechen Hitlers und der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Aber kaum einer spricht darüber, wie Stalin während seiner Schreckensherrschaft über 20 Millionen Menschen in den Tod schickte und unzählige weitere für ihr Leben zeichnete. Ruta Sepetys erzählt die Geschichte einer Familie, die 1941 zusammen mit vielen anderen aus ihrer litauischen Heimat verschleppt und nach Sibirien deportiert wird, weil man ihnen eine "antisowjetische" Haltung unterstellt.
Die Figuren der Geschichte sind frei erfunden, die Geschichte selbst ist in ihren vielen kleinen Details allerdings erschreckend wahr.
Die fünfzehnjährige Lina ist ein normales Mädchen wie alle anderen auch: sie liebt das Zeichnen und Malen, sie schwärmt zum ersten Mal unglücklich für einen Jungen und sie schreibt Briefe an ihre Cousine und beste Freundin Joana. So auch an dem Abend, als die Männer vom NKWD an die Tür hämmern und sie, ihre Mutter und ihren zehnjährigen Bruder Jonas holen kommen. Lina muss packen. Sofort.
In Viehwagons tritt die Familie die lange Reise nach Sibirien an und Lina ahnt bereits, dass sie ihr Elternhaus und ihre Heimat Litauen so schnell nicht wiedersehen wird. Ebenso wie ihren Vater, der von seiner Arbeit in der Universität nicht zurückgekehrt war. Lina begegnet auf ihrer Reise unvorstellbarer Grausamkeit, Gewalt, Leid und auch dem Tod. Doch sie lernt auch Andrius kennen, der in ihrem Alter ist und dasselbe Schicksal teilt, sie findet Liebe, Zusammenhalt und neue Freundschaften, die selbst das größte Grauen überdauern. Das alles hält Lina in ihren Zeichnungen fest, die sie in ihrem Koffer verstecken muss, und in Briefen, die sie niemals abschicken darf. Würden ihre Aufzeichnungen in die falschen Hände geraten, wäre ihr Leben in Gefahr, denn über das Schicksal ihres Volkes soll selbst nach dem Ende des Martyriums der Mantel des Schweigens gebreitet werden.
Doch Lina wehrt sich. - Sie kämpft nicht nur für das Überleben ihrer Familie, sondern auch gegen das Vergessen.
Ruta Sepetys lässt Lina auf relativ einfache, aber sehr gefühlvolle Weise ihre Geschichte erzählen. Die Sprache passt dabei sehr gut zu der fünfzehnjährigen Erzählerin und auch die Stimmung wird eindrucksvoll wiedergegeben.
Linas Erzählungen über die Deportation und das Leben in den sibirischen Arbeitslagern wechseln sich ab mit Erinnerungen an früher, an bessere Zeiten, aber auch an die ersten Vorzeichen des Schreckens, die Lina erst jetzt zu begreifen beginnt. Nach und nach erfährt der Leser so die Vorgeschichte der Familie und die Hintergründe, die zu ihrer Deportation führten.
Die Handlung plätschert verhältnismäßig ruhig dahin. Man erlebt die einzelnen Tage aus Linas Sicht, vom Tag der Abholung über den Transport in Viehwagons bishin zur Zwangsarbeit und dem Überlebenskampf im sibirischen Winter. Dabei zeigt das Buch das Grauen und den Schrecken, welche die Überlebenden durchleiden mussten, auf immer neue Weise.
Die einzelnen Charaktere sind liebevoll beschrieben und trotz der eigentlich unvorstellbaren Geschichte fällt es leicht, sich in Lina hineinzuversetzen und mit ihr zu leiden, zu hoffen und zu lieben. Vor allem Linas kleiner Bruder Jonas ist mir beim Lesen schnell ans Herz gewachsen, aber auch Lina selbst, die für ihre Familie stark sein muss und gleichzeitig so viele Gedanken und Fragen in sich trägt.
Über das Ende kann man sich streiten. Ich war ziemlich überrascht, als es kam, denn danach waren noch ein paar Seiten übrig. Diese sind aber "nur" ein Nachwort der Autorin (das aber ebenso lesenswert ist!). Das Ende selbst ist ziemlich offen und mündet in einen Epilog, der einige Jahre vorausgreift. Man erfährt nur bedingt, wie die Geschichte für Lina ausging. Von den übrigen Inhaftierten, die man im Laufe des Buches kennengelernt hat, erfährt man dagegen gar nichts mehr, was ich etwas schade fand.
Ich hatte ein wenig den Eindruck, die Autorin hätte die Geschichte nicht zu Ende denken wollen und mal eben einen Schlussstrich darunter gezogen, denn mich hätte schon sehr interessiert, wie Lina aus der Gefangenschaft entkommt, wie sie Andrius wiederfindet und was mit ihrem Vater wirklich passiert ist. Und so schnell, wie ich das Buch ausgelesen hatte, hätte es dafür auch gerne noch hundert Seiten mehr haben können.
Vermutlich soll das Ende aber dazu motivieren, selber nachzuforschen, die Lücken im eigenen Geschichtswissen zu füllen und sich selbst ein Bild zu machen. Und das hat die Autorin auf jeden Fall erreicht.
Fazit:
Ein Buch, das so leise daherkommt wie der sibirische Schnee, während es von viel Leid, Gewalt und Schrecken erzählt, aber von mindestens genauso viel Liebe und Wärme.
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