- Buch Nr. 2 von 2 meines Lese-Marathons vom 27.8.2011 -
Auch dieses Buch hatte ich vor einigen Jahren schon einmal gelesen - allerdings in der französischen Originalversion. Dies schien mir ein guter Zeitpunkt, den Versuch erneut zu wagen, zusammen mit dem Buch eines wesentlich prominenteren Leidensgenossen (Reemtsma). Doch ich kann letztlich nicht wirklich sagen, ob der Versuch geglückt ist. Ich hatte beinahe das Gefühl, ein anderes Buch zu lesen als damals, und ich frage mich, woran das liegt.
Natürlich muss ich meine Bewertung, die ich letztlich bei etwas ratlosen drei Sternen ansiedele, ein wenig relativieren. Ich bewerte keinesfalls das, WAS der jungen Sabine Dardenne widerfahren ist, noch ihre Gefühle hierzu. Möglicherweise hat es dem Buch auch ganz einfach nicht gut getan, dass ich den Reemtsma (und vor einiger Zeit das Buch von Natascha Kampusch) unmittelbar zuvor gelesen hatte. Der Kontrast war so einfach zu groß.
Zunächst einmal hat mir der deutsche Titel überhaupt nicht gefallen. "Ihm in die Augen sehen - Meine verlorene Kindheit", also bitte! Es stimmt zwar, beide Zitate kommen so in dem Buch vor. Aber sie beschreiben überhaupt nicht die Absicht der jungen Autorin, und treffen auch nicht ihren wirklichen Schreibstil. Der Originaltitel lautete "Ich war 12 Jahre alt, nahm mein Fahrrad, und fuhr zu Schule"; und genau das Lakonische, Beiläufige dieses Titels finde ich viel (!) charakteristischer für den Charakter und Schreibstil dieser jungen Frau, die durch den Pädophilen Marc Dutroux traurige Bekanntheit erlangte.
Mein zweiter Kritikpunkt, bzw. meine zweite Anmerkung betrifft die Tatsache, dass man in diesem Buch doch sehr deutlich merkt, dass es eine Co-Autorin gab. Allerdings erfährt man nur deren Namen ("mit Marie-Thérèse Cuny"), nicht deren Beruf oder Herkunft. Der Aufbau des Buches ist einfach, bei genauem Hinlesen, so vorhersehbar, so erwartbar bei einer Entführung. Und manche Sätze (bitte entschuldige, Sabine, nix für ungut!) sind einfach reinstes Bild-Zeitungs-Niveau. Da sollte beim Leser ganz kräftig auf die Tränen- und Mitleidsdrüse gedrückt werden.
Oder kann es an der Übersetzung gelegen haben? Aus meiner damaligen Lektüre habe ich einfach nicht diese platten Wendungen und ständigen Wiederholungen in Erinnerung. Im deutschen Buch heißt es jedenfalls immerzu "das Schwein", und "der Mistkerl", und es wird so getan, als handele es sich dabei um die schlimmsten Beschimpfungen. Ich möchte beinahe wetten, dass im Original hier andere Ausdrücke gestanden haben!
Man kann das Buch als reine Information allerdings recht gut lesen. Wie die Entführung ablief, aus welchem Umfeld Sabine Dardenne stammte. Was genau sich während der Gefangenschaft ereignete, wie der Täter sie psychisch manipulierte (sie war ja erst 12!). Und welche Vorwürfe sie sich machte, als er ihr schließlich eine "Freundin" besorgte, Laetitia Delhez. Allerdings werden diese Selbstvorwürfe bis zum Erbrechen wiederholt, wobei dem Leser eigentlich klar ist, dass Dutroux IMMER so vorging: paarweise.
Die letzten Kapitel scheinen auf Anraten der Co-Autorin angefügt worden zu sein. Hier geht es um den Prozess, und um das Aufsehen und die Theorien, die der Fall Dutroux in Belgien auslöste. Diese Kapitel habe ich nun wirklich mit Spannung und Interesse verfolgt. Ganz Belgien verfiel ja sozusagen in eine Kollektiv-Neurose, wohingegen Sabine aber behauptet, Dutroux habe die Theorie des "Netzwerkes" nur erfunden, um seine eigene Haut zu retten. Nun ja. Das wird nie zu klären sein. Gewaltverbrechen bieten eben wunderbaren Spielraum für Spekulationen, und Verschwörungstheorien.
Was kann ich als Fazit zu diesem Buch nur sagen? Sicher ist es insofern einzigartig, als Sabine Dardenne eine der wenigen Überlebenden ist. Es ist ein kleines Stück Zeit- und Kriminalgeschichte. Es bietet einen recht guten Einblick in Sabines Persönlichkeit, die eben immer schon recht robust, frech, und, hm, eher einfach gestrickt ist. Doch möglicherweise habe ich diesen Eindruck eben auch nur im direkten Vergleich zu Kampusch und Reemtsma. Diese beiden schreiben doch wesentlich "literarischer", und genau das sollte man eben wissen, wenn man zu diesem Buch greift.