(Rezension von Shiku)
3,5
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Von einer Sekunde zur anderen kann sich alles verändern. Das muss auch Sophie merken, als sie im April die Nachricht erhält, dass ihr Verlobter Rafael in Kolumbien erschossen wurde.
Inzwischen sind einige Monate vergangen und Sophie lebt mittlerweile in Paris, besucht eine Sprachschule und will dort endlich Fuß fassen, um ein neues Leben zu beginnen. Doch so einfach ist das nicht, Sophie kann nichts vergessen, schon gar nicht Rafael. Und so findet sie sich eines Tages auf einer Brücke wieder – vor dem Geländer, nicht dahinter. Aber ehe sie springen kann, erhascht sie einen Blick auf einen Mann auf einem Boot unter ihr: Rafael.
Zumindest sieht er so aus wie ihr verstorbener Verlobter und so macht sich Sophie auf die Suche. Sie entdeckt an ihm immer mehr Dinge, die nicht zu ihrem Rafe passen, aber wieso sieht er wirklich genauso aus wie er, warum klingt seine Stimme genau gleich? Derweil trifft sie auf den Pariser Jean, dem Rafe kein Unbekannter ist – doch statt Sophie zu helfen, warnt er sie: Sie muss sich dringend von Rafael fern halten, er würde nur Unglück über sie bringen.
Aber auch Rafael bemerkt Sophie irgendwann ... und mit der Zeit wird Sophie klar, dass sie Jeans Warnung lieber ernst genommen hätte.
Es sei vorausgeschickt, dass „Der Kuss des Engels“ von Sarah Lukas seine guten und seine weniger guten Momente hat.
Die größte Stärke dieses Buches ist sicherlich die Geschichte selbst, wie sie erzählt wird und aufgebaut ist. Die Autorin versteht es sehr gut, gleich zu Beginn ein ungutes Gefühl beim Leser zu erzeugen und immer wieder einen Gedanken entstehen zu lassen: „mysteriös!“ Denn zugegebenermaßen ist die anfängliche Entwicklung mit Rafael etwas sehr seltsam – von Sophies Seite aus verständlich, von Rafaels weniger, zumindest für den anfangs noch unwissenden Leser. Aber gerade dadurch konnte ich dem Ganzen nie über den Weg trauen, habe gezweifelt, die Stirn gerunzelt und mich gefragt, ob Sophie sich nicht besser an Jean halten sollte – so sehr ich ihr das Wiedersehen mit Rafael auch gegönnt habe, selbst als sich langsam herausstellt, dass es nicht hundertprozentig „ihr“ Rafe ist.
Mit der Zeit tauchen nun immer weitere Fragen auf, die das Buch noch lange nicht beantwortet. Gerade durch diese Ungereimtheiten wird eine unglaublich hohe Spannung aufgebaut, die sich wunderbarerweise durch das ganze Buch zieht. Selbst am Ende gibt es noch die eine oder andere Sache, die noch im Dunkeln – oder wenigstens im Dämmrigen – steckt und dafür sorgt, dass weitere Vermutungen angestellt werden. Damit wird unglaublich Lust auf den nächsten Band gemacht.
Leider beinhaltet das Ende auch einen Geschichtsstrang, der gewissermaßen zu Ende geführt wird und diese Spannung etwas nimmt. Zweifelsohne kann da noch mehr kommen – wird es sicherlich auch –, von mir aber fiel sofort das unmittelbare Bedürfnis ab, jetzt gleich zur Fortsetzung zu greifen.
Dennoch bleibt die Spannung, die auch darauf aufbaut, dass die Geschichte nicht nur eindimensional auf Sophies Sicht geschildert wird, sondern auch Jean übernimmt ab und an das Erzählen und lenkt den Fokus etwas vom romantischen Teil ab. Denn abgesehen von dem Schmerz einer zurückgelassenen Frau und der Freude und gleichzeitig Angst, den Totgeglaubten wiedergefunden zu haben, gibt es noch einige Dinge außerhalb, die auch für den weiteren Verlauf wichtig sind. So zum Beispiel die Existenz eines satanischen Zirkels, dem die junge Lilyth angehört. Sie kennt Jean, gibt ihm ab und an ein paar Informationen und sucht seine Hilfe, als es ihr zu brutal wird. Aus ihren Informationen und denen von anderen Charakteren, die Jean kennt, kann man zwar nicht immer so viel herauslesen wie dieser selbst – aber auch ohne das Fachwissen ist klar: Da geht was vor sich. Und das ist nicht gut.
Rein auf den Geschichtsverlauf bezogen, ist „Der Kuss des Engels“ wirklich schön gestaltet: Sprachlich angenehm bietet die Autorin den Lesern eine ordentliche Mischung aus Romantik und Spannung an, bringt einem nebenbei Paris ein bisschen näher und auch kleine Exkurse zum Thema Kirche sind ungemein interessant.
Allerdings spielen auch die Charaktere eine Rolle, und diese wissen nicht ganz zu überzeugen.
Ob es nun um Sophie, Rafael oder Jean geht – die drei Hauptcharaktere im Buch –, sie alle bleiben bis zum Schluss konturenlos.
Dass der „alte“ Rafael und die Nebencharaktere dem Leser nicht so nahe gebracht werden können wie ein Hauptcharakter, ist verzeihlich und auch in Ordnung. Dass aber die Hauptcharaktere die ganze Zeit über nie wirklich an Konsistenz gewinnen, ist sehr, sehr schade. Es beginnt schon damit, dass Sophies verzweifelte Trauer, die sie noch immer verspürt, kaum bemerkbar ist. Der Gang zur Brücke wirkte daher auch eher unpassend und sehr konstruiert – auch wenn es natürlich ein schönes Symbol darstellt.
Das hat letztlich auch zur Folge, dass die Charaktere nicht wirklich einschätzbar sind und nie richtig sympathisch werden (auch wenn Sophies Eigenschaft, ständig zu vergessen, ihr Handy aufzuladen, sehr menschlich ist – was aber auch nicht durchweg hilft). Seltsamerweise gelingt das nur bei einem sehr kurz auftretenden Charakter namens Pascal. Er ist ein richtiger Filou, der vermutlich mit jeder Frau flirten muss, aber seine Unverfrorenheit ist gewissermaßen erfrischend und es ist klar, woran man ist. Da er aber wirklich nur eine Randfigur ist, spricht dies nicht gerade für das Buch.
Manch Detail wirkt auch eher unlogisch. Dass Jean womöglich noch nie richtig etwas von Borderline oder Ritzen gehört hat – nun gut, das mag sein.
Dass aber eine Frau ziemlich genau hören muss, wie Jean und Lilyth davon reden, etwas mit Leichen angestellt zu haben und ihnen trotzdem noch seelenruhig und sehr freundlich mit Stift und Papier behilflich ist, wirkt schon ein wenig seltsam.
Letztlich sind das aber nur wenige Kleinigkeiten, wirklich schwer wiegen nur die Charaktere oder vielmehr die schlichten Namen auf dem Papier.
Abschließend bleibt zu sagen, dass „Kuss des Engels“ trotzdem lesenswert ist – es bietet eine spannende Geschichte, bei der es schwer fällt zu pausieren. Es sollte nur nicht zu viel von den Charakteren erwartet werden, dann kann dieses Buch unvoreingenommen genossen werden – nicht nur von Fans von Romantik!