Wasser eignet sich hervorragend zum Klarsehen, und Nebel ist ja lediglich Wasser, das seinen Ursprung vergessen hat.
(Seite 117)
Wenn man nach vierzehn Jahren „Abwesenheit“ plötzlich wieder auftaucht, sich umschaut und feststellt, dass die Welt ohne einen weitergemacht hat, dass die eigene Familie nicht mehr an einen denkt oder glaubt, dass alles, was man sich aufgebaut hat, nicht mehr existiert – was für ein Gefühl muss das sein?
Als October Daye, von Freunden Toby genannt, nach einem vierzehnjährigen Zauberbann wieder ihre natürliche Gestalt annimmt, lernt sie genau dieses Gefühl kennen. Ihr Mann und ihre Tochter leben ohne sie, erinnern sich zwar, haben aber mit der Vergangenheit und dem Verlust abgeschlossen. Ihre Lizenz als Privatdetektivin ist abgelaufen, was eine Rückkehr in ihren alten Job ohne Frage ausschließt. Der Auftrag, mit dem sie betraut war, als der Zauberbann über sie gebracht wurde, hat sich inzwischen von selbst aufgeklärt.
Toby steht vor dem Nichts, muss sich eine völlig neue Existenz aufbauen, und als wäre das noch nicht genug, wird auch noch eine Freundin von ihr auf brutalste Art und Weise umgebracht – nicht ohne Toby vorher mit einem Bann zu belegen, der ihr nichts anderes übrig lässt, als den Mord aufzuklären und den Schuldigen zu bestrafen. October kehrt also wider Willen doch in ihren alten Beruf zurück – dass das nicht einfach und mit jeder Menge Hindernissen verbunden ist, konnte sie sich denken.
Als Schauplatz dieser Geschichte wurde das moderne San Francisco gewählt. Viel erfährt man allerdings nicht über die Stadt selbst, Toby treibt sich meistens in den schlimmsten und zwielichtigen Ecken herum, auf der Suche nach den versteckten Zugängen in die Welt der Fae. In Faerie hofft sie, Antworten und Hinweise zu finden, die bei der Aufklärung des Mordes an Evening helfen könnten. Hierbei bekommt sie Unterstützung von mehreren alten Bekannten und Freunden, aber auch Personen, mit denen sie nie oder nie wieder zu tun haben wollte.
Die vielen Charaktere sind anfangs ein Wirrwarr, weder als Leser noch als Protagonistin weiß man, wer wirklich auf der Seite von October kämpft und wem man besser nicht über den Weg trauen sollte. Im Laufe des Buches lichtet sich dann der Nebel ein wenig, jedoch nicht genug, um wirklich jedes Zusammenspiel zu verstehen. Besonders die vielen verschiedenen Fae-Arten, mit denen die Autorin um sich wirft, verwirren den Leser bis aufs Äußerste – hier wäre ein Glossar zu Beginn des Buches toll gewesen, in welchem die einzelnen Fae-Arten mitsamt ihrer Gaben erläutert werden. Der stattdessen vorhandene Leitfaden zur Aussprache der keltischen Namen hilft dem Leser nicht besonders viel weiter.
Auch in der Storyline gibt es einiges an Kritikpunkten zu nennen. So werden zum Beispiel neben dem Hauptstrang – der Mord an Evening und die Aufklärung desselben – viele Nebenstränge angefangen, aber nicht zu Ende gebracht. Bei einigen Szenen fragt man sich als Leser, warum da jetzt so gehandelt wird, wie eben gehandelt wird, und welche Hintergründe dort eine Rolle spielen. Viele Handlungsweisen erscheinen nicht schlüssig, werden aber auch nicht erklärt.
Ebenso wird die Vorgeschichte Octobers nur angerissen. Aus ihrer Kindheit und von ihrem ersten Verlust erfährt man erst im Verlauf des Buches bruchstückhaft; wie ihr Leben vor dem Zauberbann, der sie vierzehn Jahre gefangen hielt, gestaltet war und ablief, wird im Prolog kurz erzählt, aber danach auch nicht wirklich wieder aufgegriffen.
Viele Punkte bleiben einfach ungeklärt, was zwar gut zum offenen Ende passt, den Leser aber auch unzufrieden zurücklässt. Vor allem, weil nicht hundertprozentig klar ist, ob und wann es eine Fortsetzung geben wird. Dadurch wirkt das Buch unausgereift und unfertig, was schade ist, denn es steckt wirklich Potenzial in der Welt, den Charakteren und den einzelnen Geschichten.
Layouttechnisch kann man mal wieder nichts aussetzen. Der Verlag versteht es, seine Bücher gut in Szene zu setzen und dabei trotzdem eine Qualität zu halten, die es immer wieder zu einem Genuss macht, ein Lyx-Buch in die Hand zu nehmen. Cover- und Innengestaltung passen zum Inhalt und zum Titel der Geschichte, durch die Klappbroschur ist das Buch trotz der Größe stabil und verträgt wahrscheinlich auch etwas grobere Behandlung. Durch relativ kleine, aber noch gut lesbare Schrift bekommt der Leser mehr, als die Dicke des Buches anfangs verspricht.
Wenn jetzt noch die kleinen Ideen der Autorin vollständig ausreifen dürfen und nicht zu viele Handlungsnebenstränge am Ende offen bleiben, darf man sich hoffentlich auf eine baldige Fortsetzung freuen.
„Wir müssen strahlend hell brennen, wenn wir nicht ewig brennen können.“
(Seite 260)
Fazit:
Mit October Daye – Winterfluch hält man einen Roman in den Händen, der Urban Fantasy mit einem tollen Krimi-Plot verbindet. Noch nicht ganz ausgereifte Ideen und das Fehlen einiger grundlegender Dinge kann das Lesevergnügen nicht sehr schmälern, sodass hier zwar nichts Besonderes erwartet werden darf, aber ein grundsolider Spaß gewährt ist.
Wertung:
Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 4/5