Neulich habe ich „Wundränder“ von Sepp Mall, aus dem Regal genommen, ein Buch, das dort schon seit einiger Zeit, nein eigentlich sogar schon seit einigen Jahren meiner harrte. Um genau zu sein, habe ich es seit 2005, als es im Rahmen der Aktion „Innsbruck liest“ 10’000mal in der Innsbrucker Innenstadt verteilt wurde, wobei eines dieser Gratisexemplare an mich ausgeteilt worden war.
Und so schaffte es das Buch dann zwar in mein Bücherregal, jedoch nie auf meine Leseliste. Ich erinnere mich, es einige Male in der Hand gehalten zu haben und doch jedes Mal einem anderen Buch den Vorzug gegeben zu haben. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich es mir nicht selbst ausgesucht hatte. Ich hatte nicht die übliche Sensation verspürt, wenn ich ein Buch aus dem Regal in der Buchhandlung ziehe, um es stolz zur Kasse zu tragen und dann ungeduldig im nächsten Café aus seiner Plastikummantelung zu befreien und meinen Namen auf die erste Seite zu schreiben.
Wahrscheinlich hatte mich damals auch einfach das Thema nicht sonderlich angesprochen. Ich empfinde der gesamten Thematik gegenüber einen gewissen Over-load. Als Tiroler wird man von Kindesbeinen an mit dem Südtirol-Konflikt konfrontiert, angefangen von der Teilung Tirols nach dem ersten Weltkrieg, den Freiheitskampf in den frühen 1960er Jahren, die so genannten „Bumser“, die darauf folgende Autonomiebewegung und die Schutzmachtstellung Österreichs. Das war eigentlich nie etwas, von dem ich auch noch in Büchern lesen wollte. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wie man einen solch groben Stoff in einen Roman verwandeln, aus so rohen Menschen wie uns Tirolern, geschweige denn den Südtirolern mit ihrer noch um einiges gröberen Sprache, Romanhelden formen könnte. Kurz, ich habe „Wundränder“ sicher duzende Male in der Hand gehalten und das Buch immer wieder ins Regal zurück gestellt. Mit der Zeit hatte ich es wohl auch schlicht vergessen. Ein Fehler, wie ich eingangs schon zugeben muss.
Sepp Mall schreibt in seinem Buch von Paul, dessen Vater eines Tages nicht mehr nach Hause kommt, weil er, wie Paul dann erfährt, im Gefängnis sitzt. Der Vater kommt zwar nach einiger Zeit wieder frei, jedoch hat sich das Leben der Familie bereits grundlegend verändert. Von der schönen Wohnung in einem anständigen Viertel der Stadt mussten die Mutter, Paul und seine grosse Schwester Maria in eines der grossen Mietshäuser, auch Kondominium genannt, umziehen. Um die Familie durchzubringen musste die Mutter ausserdem eine Stelle als Putzfrau annehmen.
Immer öfter ist nun Onkel Anton, ein Freund des Vaters, da, um der Mutter zu helfen, wie er es nennt. Er fährt sie am Besuchstag zum Vater ins Gefängnis, hilft der Mutter bei der Übersiedelung, steckt ihr manchmal Geld zu und tröstet sie, wenn sie traurig ist. Und die Mutter ist oft traurig und weint.
Aber auch der Vater ist nicht mehr derjenige, der er einmal war. Nach seiner Entlassung sitzt er meist teilnahmslos schweigend in der Küche der neuen Wohnung und beobachtet den um ihn herum ablaufenden Alltag. Oft zieht er sich in das Elternschlafzimmer zurück, er schläft viel und verlässt die Wohnung kaum. Er verfällt zusehends und in Pauls Schule geht das Gerücht um er sei aus dem Gefängnis entlassen worden, weil er seine Kameraden verraten habe.
In Erikas Fall ist es ihr kleiner Bruder. Alex, dem das Sprechen so grosse Probleme bereitet, der stottert, und der deshalb oft lieber schweigt. Aber sie Erika versteht ihn, ohne Worte, hat ihn immer verstanden, schon früher, am elterlichen Hof weit oben am Berg. Sie hat ihn verteidigt und beschützt, wenn der Vater die Worte wieder aus ihm herauspressen wollte. Sie war seine Stimme gewesen, gemeinsam hatten sie die Strenge des Vaters ertragen. Gemeinsam waren sie schliesslich auch in die Stadt gegangen, wo Maria eine Ausbildung zur Krankenschwester anfing und Alex eine Stelle in einer Tischlerei besorgte.
Während Erika sich um den gemeinsamen Haushalt kümmert, im Krankenhaus arbeitet und fleissig auf ihre Prüfungen lernt, kapselt sich Alex immer mehr von ihr ab. Er trifft sich häufig mit seinen Arbeitskollegen und schliesslich nimmt er sich sogar ein Zimmer in der Stadt. Erika fühlt, wie sich eine Barriere zwischen ihnen bildet, sie dringt nicht mehr zu ihrem Bruder durch. Sie vermag es nicht mehr in seinem Blick zu lesen.
Und schliesslich kommt der Tag, an dem man ihr die schreckliche Wahrheit überbringt. Alex ist tot. Er starb beim Versuch eine selbstgebaute Bombe an ein italienisches Kriegerdenkmal anzubringen. Erika kann es zunächst nicht fassen, erst nach und nach erschliesst sich ihr die Wahrheit über Alex’ Abwesenheit der letzten Zeit, seinen Rückzug vor ihr, die Entfernung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte.
In beiden Fällen beschreibt Sepp Mall das Geschehen aus der Perspektive eines unbeteiligten und ahnungslosen Familienmitglieds. In unnachahmlich einfühlsamer Weise beschreibt er das Unwissen um das Treiben des Vaters, bzw. des Bruders und den Schock bei der Entdeckung der Wahrheit. Dadurch, dass er sich dem Thema von der Seite der unbeteiligten Familienmitglieder nähert, dass er nicht versucht zu entschuldigen oder Erklärungen zu finden, schafft er es, ein so schwieriges Thema ohne historischen Pathos zu erzählen.
Gleichzeitig urteilt er nicht, er lässt Pauls und Erikas Geschichten für sich sprechen und verwebt am Ende geschickt seine beiden Handlungsstränge. Dabei behält seine Sprache immer einen gewissen poetischen Ton. Vieles lässt er nur anklingen, belässt es bei einer Andeutung und überlässt es dem Leser seiner Schlüsse zu ziehen.
Damit gelang ihm ein wirklich schönes und ergreifendes Buch über einen wichtigen Teil der Südtiroler Geschichte ohne jemals in die Trivialität abzugleiten oder auch nur in die Nähe patriotischer Eindimensionalität zu geraten.