Leser-Rezension zu „Der Mann schläft” von Sibylle Berg
am 27.02.2010
Die Ich-Erzählerin ist über Vierzig und hat sich schon soviele Eigenheiten angewöhnt, dass das Verbandeln sicher nicht mehr leicht fällt. Aber wie heißt es so schön kitschig und eigentlich gar nicht zu diesem Roman passend: "Wo die Liebe eben hinfällt!" Und so passiert sie eines Tages einfach zwischen der Frau und dem Mann, den sie da zufällig trifft und sie lieben sich einfach, raufen sich und ziehen zusammen. Die Frau ist so überrascht über ihr Glück, dass sie fast schon täglich Panik hat, dass sie sich alles nur einbildet - vielleicht doch wieder nur eine geistige Wirrung von ihr? Aber nein, die Beziehung existiert und der Mann ergänzt und perfektioniert ihr Leben viele Monate lang. Nach knapp vier Jahren beschließen sie Veränderung, ein Urlaub soll es sein und auf einer chinesischen Insel wollen sie ihr Winterquartier beziehen. Doch als ob die Frau es herbei gefürchtet hätte, ihr Mann verschwindet bei einer täglichen Besorgung und damit verschwindet auch das Glück wieder aus dem Leben der Frau...
Man mag Sibylle Berg misanthropisch schimpfen, sie verweigert sich dem Kitsch und gibt lieber ehrliche und einfallsreiche als werbeeffektive Interviews. Aber genau diese Eigenschaften machen diesen Roman so besonders, denn ihre Sätze wecken im Leser sämtliche Emotionen. Zusätzlich macht die Abwechslung der Zeiten im Buch die Geschichte spannend, denn bis zuletzt hofft man auf ein Happy End und will dieser störrischen Frau ihren Mann wiedergeben.
Ich werde diesen Roman nicht das letzte Mal gelesen haben, denn auf jeder Seite ist noch soviel Neues zu entdecken und sind soviele Sätze auswendig zu lernen, die mir am liebsten selbst eingefallen wären.
"Der Mann schläft" hat die Nominierung für den Deutschen Buchpreis (Longlist) mehr als verdient - volle Punktzahl für dieses tolle Buch!

