Leser-Rezension zu „Die Fahrt” von Sibylle Berg

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SV SV
Verfasst von SV
am 30.04.2008
 

Einen kleinen Glücksmoment

Ein Vogel, aus dem Nest gefallen, er kann nicht mehr fliegen, Frank, sieht ihn in einem Busch, bleibt stehen, Ruth kommt dazu, sie weichen einer Frau mit Kinderwagen aus.
Frank und Ruth reden die ganze Nacht, Frank meint, dass Ruth vielleicht seine Frau sein könnte, aber sie fliegt am nächsten Tag nach Israel, will dort Jakob treffen. Jakob will in einen Kibbuz.
Und auch die Geschichte der Kinderwagenfrau wird weitererzählt.
So verschränkt und weitererzählt werden die Geschichten – ein Reigen von Geschichten eigentlich, jedes Kapitel nur einige Seiten lang.
Los Angeles, Hongkong, Sri Lanka, Island, Comer See, Amazonasgebiet – überall in der Welt sind die Figuren im Roman von Sybille Berg unterwegs.
Auch einige Menschen aus den Gegenden, in die gereist wird, bekommen ihre Geschichte: Bangladesch, Kyrgyztan, Bayreuth – Slumbewohner, heiratswillige Frau, Hotelangestellte:
Man denkt Reisen ist das Thema, aber noch mehr geht’s um den Grund für das Reisen.
Einige der Personen reisen, weil man’s so tut, aus dem reichen Deutschland kommend, einige suchen, einige reisen aus Langeweile, einige um sich selbst zu entkommen, einige um sich zu finden.

Sybille Berg nimmt ihren Handelnden, und den Lesern, jede Illusion, zeigt völlig schonungslos Realität hinter den vorgeschobenen oder nicht hinterfragten Gründen. Sie zeigt die Veränderungen, die das Altern in den Menschen bewirken, den Verfall, den Verlust von Wichtigkeiten, die sich als nur scheinbare Wichtigkeiten herausstellen.
Sie spricht über Armut in der Welt, materielle bei den einen, geistige, emotionale bei den anderen.
Sie legt jedes Klischee, das sie finden kann, bloß, sie schält die Illusionsschichten ab und zeigt was bleibt.
Der Verlag sagt, dass Frau Berg selbst lange Zeit herumgereist ist, an die Orte ihrer Handlung.
Garniert ist das Buch mit unscharfen schwarz-weiß Fotos, die immer eine ganze Seite für sich bekommen, obwohl sie nur einen kleinen Raum bedecken. Die Erzählungen werden, immer eingeleitet vom Namen der Person, um dies geht und dem Handlungsort, nur von einigen Leerzeilen getrennt, fortgesetzt. So dass also den Bildern, so viel weißen Platz wie sie um sich haben, viel Bedeutung zukommt, die Bilder im Kopf des Lesers ergänzt werden können, müssen, sollen.

Es sind keine freundlichen oder erfreulichen Szenerien die geschildert werden. Menschliches Verhalten, bestehend aus Dummheit, Gier, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, und alles sehr deutlich gesagt, vielleicht manchmal übertrieben scheinend, vermutlich genau so überall auf der Welt jederzeit zu beobachten.

Frau Berg lässt manchen ihrer Figuren einen kleinen Glücksmoment, eine kleine Hoffnung. Anders als Philip Roth etwa, der seine Geschichten bis zur Schmerzgrenze, bis zum kaum Erträglichen intensiv schreibt und keine Gnade gewährt, gibt Frau Berg manchmal einer melancholischen Hoffnung nach und lässt etwa Frank fröhlich, mit Morphium versehen und einer Frau neben sich, sterben.
Niki findet einen Ort in einer jüdischen strenggläubigen Siedlung, sie wird ihren Reichtum aufgeben, schwarze Gewänder tragen, nach strengen Regeln leben – aber nicht mehr allein sein.

Kleine Hoffnungen sind das und lässt man sich drauf ein, können tatsächlich heftige Gemütsbewegungen nicht vermieden werden.
Ein äußerst intensives, erschreckendes, ein bisschen hoffnungsvolles Buch. Bilder, Szenen, Gedanken, die bleiben werden.

Jedes Wort ist wahr, auch wenn es übertrieben ist, wenn es groteske Übertreibung ist, weiß man, dass es so ist, dass Menschen und Leben und alt werden und hilflos in der Welt stehen, ob auf Reisen oder festgehalten am grauenhaftesten Ort der Armut, festgehalten in der dumpfesten Gedankenlosigkeit, so ist.

Sie sollte jeden Preis bekommen, der machbar ist, für ihren Mut so zu schreiben: mit Gewicht und Bedeutung, lebendig und treffend.

 

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Die Fahrt Die Fahrt
Sibylle Berg

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Die Fahrt
von Sibylle Berg

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