Obwohl mit dem Thema der verbotenen Liebe, insbesondere derer eines jungen Schülers und seiner Lehrerin, sicherlich das Rad nicht neu erfunden wurde, gelingt es Siegfried Lenz dennoch, mit seiner Novelle ,,Schweigeminute“ originelle Akzente zu setzen. Schön verpackt hat er die Liebesgeschichte der beiden Protagonisten, mit teilweise poetischer Tiefe, die jedoch leider oft nur aus den Monologen Christians hervorgeht. Die Geschichte die aus der Sicht Christians erzählt wird, lebt von ihren ständigen Perspektiv- und Szenenwechsel. So weiß der Leser oftmals nicht, ob gewisse Passagen der Geschichtserzählung dienen, oder aber an seine verstorbene Liebe Stella gerichtet sind. Wechsel von ,,ich habe sie gesehen“, zu ,, Du, Stella“ wirken anfangs zwar verwirrend auf den Leser, geben aber später die Möglichkeit sich in die Gefühlslage des Achtzehnjährigen zu versetzen und sich mit seiner Situation zu identifizieren. Sehr subtil gelingt es Siegfried Lenz an diesen Stellen, die romantischen Gefühle der Vergangenheit Christians, sowie seine gegenwärtige Trauer, die er empfindet, wenn er an Stella denkt, zu vermitteln. ,,Wir liebten uns" ist alles, was sich Lenz an Intimitäten erlaubt. Eine respektvolle Distanz mit der er keine Grenzen überschreitet und in der sich die ,,Keuschheit'', die Ulrich Greiner in seinem Kommentar lobt widerspiegelt und damit der Fantasie des Lesers Raum lässt für eigene Vorstellungen und Träumereien. Gerade diese Distanz und Keuschheit könnte aber in Zeiten, in denen Bücher wie ,,Feuchtgebiete'' oder Werke von Charles Bukowski in den Bücherregalen der Bibliotheken zu finden sind, als geradezu altmodisch empfunden werden, da sie für den modernen Lesergeschmack doch etwas zu diskret anmuten. Auf eine besonders originelle Form greift Siegfried Lenz in seiner Novelle nicht zurück. Er meint sogar völlig ohne Kapitel, Absätze und Überleitungen auszukommen, was es jedoch oftmals erschwert, dem Handlungsverlauf folgen zu können. Gerade auf den ersten Seiten der Novelle kommt es besonders oft zu Handlungs- und Szenenwechsel, die den Lesefluss beeinträchtigen, ja geradezu zäh gestalten. Wechsel zwischen Erinnerungen an Stella und Trauerfeier in der Schulaula sind zwar komplex, aber dennoch sehr gelungen und laden zu einer Verfilmung der Novelle ein. Die sommerliche Umgebung in der sich die Handlung vollzieht, kann hingegen leider nur wenig überzeugen. Schon fast ausgelutscht wirkt das Strand-und-See-Szenario, in welchem sich Stella und Christian näher kommen. Abschweifungen zu kleinen Segel- und Fischergeschichten wirken auch nur wenig originell und bergen außerdem noch andere Problematiken.
Trotz kleiner Fehler, wie die etwas veralteten Lehrmethoden, die sich in den Klassensälen abspielen, oder die Tatsache, dass Stella in den 60er Jahren von einem Boot aus einen Anruf erhält, schafft es Lenz ein weitreichend stimmiges Buch zu veröffentlichen. ,,Schweigeminute'' bedient sich keiner Klischees und muss – da es ein eigenständiges Buch ist – nicht darauf achten in irgendeine Reihe zu passen. Die Charakterentwicklung der Protagonisten scheint realistisch, auch wenn sie leider keine Wendungen aufzeigen, die einen psychologischen Tiefgang erfordern. Angenehm ist es zu lesen, dass der Schüler Christian als durchschnittlicher Junge beschrieben wird. Seine Interpretation zu dem Werk ,,Animal Farm'', welche er über die Ferien bearbeiten soll, weisen Lücken auf. Er wird nicht als geistiger Überflieger dargestellt und über seine körperlichen Eigenschaften erfährt der Leser – bis auf die Tatsache, dass er älter auszusehen scheint, als er ist – nichts. Dies macht es einfach, sich mit dem Charakter zu identifizieren und gemeinsam mit ihm in seine Geschichte einzutauchen, auch wenn diese Leichtigkeit durch die kindliche Naivität Christians an manchen Stellen getrübt wird. So fällt es doch schwer zu glauben, dass er wirklich daran glaubt, mit Stella, einer reifen Frau, eine Zukunft in einer Waldhütte aufzubauen. In vielen Momenten lässt Christian auch das tabulose Feuer der ersten großen Liebe vermissen, gibt sich diskret und verbirgt sich hinter schüchterner Zurückhaltung. Stella hingegen macht es einem schwer, nachzuvollziehen, was Christian denn überhaupt an ihr schätzt und in ihr sieht. Viel zu kühl und förmlich wirkt sie durch die gesamte Geschichte hinweg. Wie auch schon in Bernhardt Schlinks ,,Der Vorleser“, straft die reife Frau, den jungen Liebenden mit Distanz. Sogar in ihrem letzten Brief, den Christian noch von ihr erhält und in der man ein Liebesgeständnis erwartet, übt sich Stella gekonnt in Diskretion und schreibt lediglich ,,Love, Christian, is a warm bearing wave“. Jedoch lässt diese ,,Hin-und Hergerissenheit“, zwischen reizvoller Versuchung und distanzierter Lehrerrolle, Stella real wirken, da sie in die gesellschaftliche Korsett ihrer Zeit gepresst ist, welches eine solche Beziehung nicht tolerieren würde. Ein großes Manko der Geschichte ist die Tatsache, dass man nie erfährt, wie es eigentlich zu der vermeintlichen Liebe zwischen den beiden kommt. Der Leser wird in die Gefühlsachterbahn Christians gesetzt, ohne zu wissen warum sie sich verliebt haben, bzw. ob Stella überhaupt Liebe gegenüber Christian empfindet.
Die bereits erwähnten unterschiedlichen Erzählebenen, Rahmenhandlung, Rückblenden und Rückblenden in der Rückblende, wirken sich jedoch auch teilweise negativ auf die Stimmigkeit des Buches aus. So scheint die Geschichte teilweise ins Schlingern zu geraten und undurchsichtig zu wirken, auch weil sich die Zahl an kurzen Szenen nur langatmig zu einer bewegten Story verknüpft.
Die kleinen Nebenhandlungen haben aber auch einen negativen Effekt auf die Ausgewogenheit und Spannungsfülle des Werks. So wirken manche Nebenhandlungen, auch wenn sie mit der Intension integriert wurden, kurze Spannungsbögen einzubauen und die Geschichte aufzulockern, als unnötig und lästig. Schilderungen über den Regatta Unfall von Georg Bisanz beispielsweise, laden bestenfalls zum überspringen und weiterblättern ein. Der übermäßige Gebrauch von Seefahrt- und Fischerfachjargon, tragen auch nicht unbedingt zu einer bessern Lesedynamik bei. Ohne Segelschein oder Segelhandbuch scheinen viele Passagen des Buches als schier unverständlich. Auch wenn die Haupthandlung auf nur zwei Charaktere verteilt ist, tauchen hier und dort Personen auf, die schlichtweg unnötig erscheinen. Klassenkameraden Christians tauchen kurzweilig auf und verschwinden genauso schnell wieder, ohne genauer kontrastiert zu werden, oder Kontur zu erhalten. Durch die geringe Seitenanzahl lässt sich ,,Schweigeminute“ schnell und einfach lesen. Man hat nur selten das Gefühl etwas unnötiges gelesen zu haben und verlangt zumeist nach mehr Informationen als nach weniger. Die nicht übermäßige, aber dafür präzise und gekonnt eingesetzte Benutzung von Stilmitteln, machen das Buch lebendig und verleihen ihm poetischen Tiefgang. So sieht Christian die Art und Weise in der die Asche Stellas das Wasser berührt als ,,Grammatik des Abschieds'' (S.121). Die Ironie, dass Stella und Christian durch einen Wellenbrecher, der Sicherheit bieten sollte, erst zusammengeführt wurden, dann aber wieder durch ihn getrennt, da er die Ursache für den Bootsunfall Stellas war, birgt ebenfalls einen gewissen poetischen Gehalt, der auch Interpretationsfreiraum lässt und dem Buch Tiefe verleiht.
Als Spannungsfülle dient in ,,Schweigeminute“ hauptsächlich die Liebesgeschichte von Christian und Stella. Man möchte zu jedem Zeitpunkt erfahren, wie es zwischen den beiden weitergeht, ob es zu einer Aussprache kommt oder zu einem weiteren Liebesakt, ob Christian seinen Schülern davon erzählt, oder ob Stella ihn aufgrund des Altersunterschiedes verlässt. Leider bekommt man nur selten Antworten auf die Fragen und die durch erotisches Knistern aufgebaute Spannung zwischen den Protagonisten, wird von langweiligen Nebenhandlungen durchbrochen.
Der oftmalige Perspetivenwechsel, aber auch die Distanz die Stella gegenüber Christian einnimmt, nimmt zu oft die Spannung und die Luft aus den Liebesszenen. Die Schlussszene bei der Seebestattung kann allerdings mit einem hohen Maß an Poesie auftrumpfen und zeugt von der Tiefen Verbundenheit die Christian zu Stella empfand und dem wahren Potential des Buches.
Trotz kleinerer Patzer und anfänglicher Schwierigkeiten in das Buch zu finden, ist ,,Schweigeminute“ eine Empfehlung wert. Man bekommt viel geboten auf nur 128 Seiten und die zarte Sensibilität, mit der es Siegfried Lenz versteht die Gedanken und Emotionen des jungen Schülers Christians zu vermitteln, lassen den Leser tief eintauchen in seine Gefühlswelt, mitempfinden und trauern. Man fühlt sich beim Lesen unweigerlich verbunden mit dem Protagonisten und meint ihn verstehen zu können. Auch wenn sich Siegfried Lenz mit ,,Schweigeminute'' sehr diskret zeigt, nie zu viel preisgibt und manches im Nebeldunst der Fragen belässt, ist es gerade das, was das Buch interessant macht und eine Tiefe Melancholie vermittelt. Es wird Platz für die Gedanken und Interpretationen des Lesers gelassen und nicht alles faktisches aufgedeckt. Die Feinfühligkeit mit der Lenz die Gedanken direkt an die Verstorbene weiterleitet lassen mit Freude über jeden Seegelausdruck und überflüssigen Charakter hinwegsehen. Lenz schafft es den Leser über Christian in vielleicht vergessene Emotionen eintauchen zu lassen und ihn daran zu erinnern, was es heißt Liebe zu empfinden.