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Vor 1 Jahr
(4)Der etwas zurückgebliebene Nigel arbeitet als Mädchen für alles im Arbeitsamt. Nach Feierabend kehrt er in sein Zuhause, den ehemaligen Pub seiner verstorbenen Eltern, zurück. Die Umgebung des Hauses wird immer öder und trister, zerfällt immer mehr, seit die großen Fabriken geschlossen haben. Seine Freizeit verbringt er mit Fernsehen und Comics, manchmal leiht er sich ein Video aus, am liebsten Kinderfilme. Und dann sind da noch die ‚Tiere’, die er in Verschlägen im gewölbeartigen Keller hält: momentan ein dickes, ein schwarzes, ein altes und ein rothaariges …
Eines Tages kündigen zwei seiner Kolleginnen ihren Besuch bei ihm an: Cheryl mag er sehr, vor Karen ist er auf der Hut, da sie ihn immer aufzieht und in Verlegenheit bringt. Nigel weiß gar nicht, wie ihm geschieht, kauft aber Hot Dogs und leiht sich Disneys „Bambi“ aus, falls die beiden Lust haben sollten, sich einen Film anzusehen. Und dann stehen die beiden tatsächlich vor der Tür: angetrunken und mit Karens Freund im Schlepptau. Während sich unten im Keller etwas zugetragen hat, dem Nigel nicht ins Auge blicken will.
Nachdem ich in das Buch reingelesen hatte, war ich neugierig, was das denn nun sein, wohin dieser Plot nun führen mochte: in Richtung Jack Ketchum womöglich, dessen Bücher ich hart an (manchmal auch hinter) der Grenze des Erträglichen finde?
Der Anfang machte neugierig, danach habe ich mich ungefähr 50 Seiten so gelangweilt, dass ich das Buch beinahe weggelegt hätte. Nigel in seinen Alltag zu folgen war über weite Teile ungefähr so wie Privatfernsehen gucken, ein Format, in dem irgendwelche tristen Alltage Sendezeit füllen. Erschwerend kommt hinzu, dass Nigel seine Geschichte selbst erzählt. Die einfache Sprache ist durchaus authentisch, stringent durchgehalten, aber auch für den Leser unglaublich dröge.
Die restlichen gut 200 Seiten habe ich dann an einem Tag verschlungen.
Denn: Diese fiktive Figur Nigel ist von Beckett durchaus vielschichtig angelegt. Durch seine Unbeholfenheit, Schüchternheit etc. wird er Opfer diverser Sticheleien und Erniedrigungen. Nigel ist der, auf dem (fast) alle herumhacken, über den sich lustig gemacht wird. Er ist fast wie ein Kind (allerdings im Körper eines erwachsenen Mannes …). Damit schafft es Beckett tatsächlich, auch gewisse Sympathien für Nigel zu wecken – obwohl man auch von seiner Seite als Täter weiß. Dem gegenüber gestellt ist nämlich nicht etwa ein brutaler Sadist, auch nicht etwa einer, der sich ziemlich kranker Mittel bedient, um sich Gesellschaft zu beschaffen, sondern … – aber das muss man selber lesen!
„Tiere“ ist Simon Becketts zweiter Roman, in England 1995 erschienen, hier allerdings erst im Kielwasser der Serie um den Forensiker David Hunter, die ein Bestseller geworden ist, veröffentlicht.
„Tiere“ spaltet die Leserschaft: Ich vermute, es gibt viele, die den Roman unlesbar finden. Ich habe vorher von Beckett „Kalte Asche“ gelesen, fühlte mich davon kurzweilig unterhalten und habe mittlerweile, nur drei Monate später, schon fast vergessen, worum es eigentlich ging. Das wird bei diesem Roman (der übrigens als bester internationaler Roman den „Marlowe“ gewonnen hat) deutlich anders sein.
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