Hamburg 1757. Aufgrund wirtschaftlich schlechter Zeiten ist der junge Uhrmacher Geertjan gezwungen, sein Handwerk aufzugeben und sich als Seemann zu verdingen. Seine Frau Merit bleibt mit dem sechsjährigen Sohn Ruben zurück und verdient ein Zubrot als Formenwäscherin in einer Zuckersiederei. Beide Eheleute verbindet neben der Liebe zum Uhrmacherhandwerk das Forschen nach der Lösung der Bestimmung des Längengrades. Entgegen der vorherrschenden Meinung, die die Antwort in der Berechnung der Monddistanz sucht, ahnt Merit, dass des Rätsel Lösung in der korrekten Berechnung der Zeit liegt. Bislang ist es jedoch niemandem gelungen, eine seetaugliche Uhr zu entwerfen. Als Merit durch die Zeitung erfährt, dass in Großbritannien eine Kommission zur Erforschung des Längengrades einberufen wurde, die ein hohes Preisgeld ausgesetzt hat, beschließt die junge Mutter, dieser ihre Idee zu präsentieren. Sie muss jedoch feststellen, dass sie als Frau nicht zur Kommission vorgelassen wird. Wie es der Zufall will, begegnet sie dem Tischlermeister John Harrison, und eine bahnbrechende Erfindung nimmt ihren Lauf.
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Sina Berwald verflicht die fiktive Lebensgeschichte der Merit Paulsen mit der des historisch belegten Tischlers John Harrison, der zeitlebens um Anerkennung seiner Chronographen vor der Längengradkommission gekämpft hat. Harrison, ein Autodidakt, der sich das Uhrmacherhandwerk selbst beigebracht hat, hat der Längengradkommssion über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren 3 Uhren vorgestellt, die von dieser als zu klobig und unpraktikabel abgelehnt wurden. Erst die vierte Uhr, die etwas größer als eine Taschenuhr war, fand das Wohlwollen der Längengradkommission und wurde zu mehreren Erprobungsfahrten zugelassen. Hier vermischt Sina Beerwald gekonnt historische Fakten mit Fiktion, in dem sie dem Tüftler Harrisson Merit Paulsen zur Seite stellt, die ihre eigenen Ideen in diese Taschenuhr einfließen lässt. Ob es eine Merit Paulsen gegeben hat, ist nicht belegt. Erstaunlich ist jedenfalls, dass der Tischler Harrison, der sich voll und ganz den Großuhren verschrieben hatte, quasi über Nacht mit einer fein gestalteten Taschenuhr aufwartete, deren Entstehen er nie ganz hat erklären wollen und können. Wer weiß, ob hier nicht wirklich ein heimlicher Helfer im Spiel war und dem Erfinder zur Seite stand. Sina Beerwald jedenfalls hat eine Geschichte geschaffen, wie sie sich hätte zugetragen haben können.
Eine tragische Geschichte, denn wie dem Tischler Harrison ist auch Merit Paulsen kein wirkliches Glück beschieden. Ihre Suche nach der Lösung wird ein fast lebenslanger Kampf gegen die Zeit, eine Suche mit permanenten Verlusten, Trennungen und Schmerz. Es hängt eine düstere Grundstimmung über dem Roman, der durch die kurzen Monologe der Zeit, der Sina Beerwald eine eigene Stimme gegeben hat, atmosphärisch dicht und teilweise sehr philosophisch ist. Der Leser bekommt nicht einfach nur einen historischen Roman geboten, sondern wird zugleich von der Zeit mit auf eine Reise durch die eigene Seele genommen. Was ist die Zeit? Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist? Verlangen wir zu viel? Ist die Jagd nach Erfolg und Anerkennung es wert, darüber das Wesentliche wie das persönliche Glück und die Liebe aus den Augen zu verlieren? Leben wir zu sehr in der Vergangenheit? Schenken wir uns selbst zu wenig Zeit?
Die Antwort darauf kennt auch Sina Beerwalds Zeit nicht, die Antworten darauf muss der Leser in sich selber finden. So wie John Harrison im Buch:
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"Aus dem Füllhorn des Lebens können wir uns nicht aussuchen, welche Ereignisse, wie viel Liebe, Glück oder Leid sich über uns ergießen, aber die Zeit überlässt uns die Entscheidung, wie wir damit umgehen."
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Die Idee, die Zeit selbst mit in die Geschichte einzubinden, fand ich einzigartig. Dabei hat die Zeit nichts menschliches, mutet manchmal kalt und unbarmherzig an. Als bedrohlich habe ich sie aber nicht empfunden. Die Zeit hat kein Gefühl, keine menschlichen Regungen. Sie betrachtet sachlich, nüchtern. Sie hat alles gesehen, kennt alles, nichts bleibt vor ihr verborgen. Der Tod ist für sie eine logische Folge, sein Zeitpunkt völlig unerheblich.
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Sina Beerwald hat ein wunderbares Buch geschrieben, das trotz all des Unglücks, das der Protagonistin widerfährt, den Leser doch nie hoffnungslos zurücklässt. Wenn sich am Ende der Kreis des Lebens schließt, bleibt der Leser berührt zurück. Gerade die letzten Passagen sind es, die unter die Haut gehen und den Leser nicht loslassen: Wir sind nur ein Staubkorn in der kosmischen Uhr des Universums. Nutzen wir, aber genießen wir auch die kurze Zeit unseres irdischen Daseins. Um es mit den Worten der Zeit zu sagen:
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"Der Augenblick ist kaum fassbar, er ist winzig klein und doch das Wichtigste auf Erden. Nur in ihm findet das Leben statt. Nicht davor und nicht danach. Der Moment schenkt die Erfahrungen, die dir zu Erinnerungen werden und aus denen du deine Vorstellungen für die Zukunft formst. Auf ein Ende hin, das niemand kennt."