„Wir warteten die nächste Gondel ab und auch die übernächste und die danach. Aber er kam nicht. Irgendwo, irgendwie war er, eingeschlossen in seiner Gondel, während der dreißigminütigen Fahrt mit dem Riesenrad verschwunden.“ (Seite 9)
Inhalt: Bei der Familie Spark kündigt sich Besuch an: Tante Gloria und ihr Sohn Salim wollen ein paar Tage bleiben und ein klein wenig Londoner Luft schnuppern, bevor sie nach New York fliegen. Zusammen mit Ted und Kat besucht Salim das Londoner Riesenrad. Weil ein Fremder ihnen eine Karte schenkt, steigt Salim alleine ein und fährt los- doch als seine Gondel unten wieder ankommt, ist er verschwunden. Spurlos! Ted und seine Schwester beginnen sofort, sich Gedanken zu machen und Erklärungen zu finden, während die Erwachsenen verzweifeln. Wie konnte Salim verschwinden? Und wo ist er jetzt?
Zum Buch: Diese Geschichte ist genial! Sie steckt voller verrückter Einfälle, ist kaum vorhersehbar, aber dabei so einfach und locker geschrieben, das sie von der ersten bis zur letzten Seite unterhält.
Die Szenen werden durch tolle Dialoge, einer bildhaften Sprache und einem auf den Punkt gebrachten Humor sehr lebendig, und wirken zu keiner Zeit an den Haaren herbeigezogen oder überzogen. Irgendwie könnte das alles wirklich passiert sein, was man im ersten Moment ja gar nicht glauben mag: wie ist es möglich, dass sich ein junger Mann, der sich in etlichen Metern Höhe, in einem Riesenrad, befindet, in Luft auflöst? Das geht doch gar nicht, oder?
Und ob!
Und damit fängt diese verquere und klug durchdachte Geschichte erst an.
Ein ganz großes Lob gebührt der Autorin für ihre Charaktere, die ich als Leser schon nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen habe, weil sie einfach herrlich gestaltet sind. Da ist Kat, die Schwester von Ted, die kratzbürstig und genervt von ihrem Bruder ist und dabei ein sehr gutes Herz hat, Tante Gloria und Teds Mutter, die beide „wie ein Wasserfall reden können“ und irgendwie stinknormale Mütter sind, nett, aber besorgt. Auch die Väter und Nebenfiguren werden mit wenigen Worten zu individuellen Charakteren.
Und dann natürlich der Protagonist Ted, der ein wenig autistisch ist und eine ganz besondere Sicht der Dinge hat, die um ihn herum geschehen. Er sagt von sich selbst, dass sein Gehirn einfach anders tickt, aber dieses „Andersticken“ hilft ihm und Kat ungemein dabei, des Rätsels Lösung zu finden. Weil die Geschichte aus Teds´ Sicht geschrieben wurde, bekommt der Leser mehr als einen Schmunzelmoment geboten, vor allem, wenn Ted sich mit dem, was er hört und sieht, auseinandersetzt. Zum Beispiel weiß er oft nicht, wie die Sprichwörter gemeint sind, die einem „normalen“ Menschen so geläufig sind, dass er sie gar nicht mehr als komischen Ausdruck wahrnimmt.
Zum Beispiel:
„Ich habe Mum mal irgendwann sagen hören, Kat hätte Dad um ihren kleinen Finger gewickelt. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinte, hatte Kats kleinen Finger betrachtet und mir vorgestellt, wie Dad sich um ihn herumwickelte, als Miniaturausgabe, langgezogen, und plattgehauen wie ein seltsam aussehender, lebendiger Ring.“ (Seite 116/117)
Diese Äußerungen von Ted, die sich durch ganze Buch zogen, waren nicht nur amüsant, sondern auch interessant, weil man als Leser nicht anders kann, als nachdenklich zu werden, über so manche Selbstverständlichkeit, die von Ted hinterfragt wird und dadurch als Etwas entlarvt wird, das meistens eigentlich ziemlich komisch ist, aber Dinge sind, mit denen man eben lebt. Dazu gehören nicht nur Sprichwörter, sondern zudem zum Beispiel die Fähigkeit, „Körpersprache“ zu deuten, womit Ted auch große Probleme hat.
Also, ich mochte Ted sehr und mir hat seine Entwicklung unheimlich gut gefallen.
Ich kann an „Der Junge, der sich in Luft auflöste“ nichts, aber auch gar nichts, bemängeln. Die Geschichte ist rund, lustig, traurig, komisch und (leider) rasch gelesen. Sie handelt von Mut und Gewissen und Zusammenhalt, alles davon besonders viel und dabei alles gleichzeitig.
Eine wunderschöne Geschichte, die ich nur weiterempfehlen kann!