Wann habe ich das letzte Mal geweint, als ich ein Buch gelesen habe? Könnte es manchmal auch die Jahreszeit sein, die einen beeinflusst, dahingehend, wie man ein Buch aufnimmt, wie einen die Charaktere berühren?
Es gab da mal ein Jahr in meinem Leben (man muss den durchaus pathetischen Ton dieses Satzes einfach mit Sympathie tragen), da waren Bücher mit hohem Identifikationspotential, Fernsehserien, die man Samstag und Sonntag Nachmittag bis Abend anschauen konnte, eine zweite Welt, die fast wirklicher war für mich, weil sie ganz tiefe Emotionen in mir ausgelöst hat und bei einem späteren Spaziergang durch große Straßen zwischen fremden Menschen ein gewisses Bild der Unwirklichkeit in mir verbreitet hat. Ich war eigentlich in den Büchern. Ich habe mich eigentlich mit mir selbst woanders befunden und leiden konnte ich dort auch, wie hier, zwischen den Straßen, nur dort hatte ich die stumme Antwort der Bücher, die aber leider irgendwann irgendwo aufhörten.
Vor drei Tagen habe ich diesen Roman von Siri Hustvedt angefangen zu lesen, der sich selbst von Seite zu Seite trägt, ganz unspektakulär mit dem Kauf eines Kunstwerkes anfängt und dann seicht ,aber sicher und tiefschürend in eine Lebensgeschichte übergeht. Nein, besser sollte gesagt werden, dass diese Geschichte von Grund auf eine Lebensgeschichte ist, denn hier erzählt der in die Jahre gekommene Leo Hertzberg, ein Kunsthistoriker, von seinem Leben mit seinem Freund William, Bill, Wechsler, das ihre Frauen und Kinder einschließt und das, was man schlicht nur Leben nennen kann.
Die Story beginnt 1975 in New York:
"I [...] saw the painting [...] about twenty-five years ago in a gallery on Prince Street in SoHo. I didn't know either Bill oder violet at the time. [...] It was a large picture, about six feet high end eight feet long, that showed a young woman lying on the floor in an empty room. [...] To the right of the canvas I read the small typed card: Self-Portrait by William Wechsler."
Dass diese Begegnung, die später zu einer reellen Begegnung zwischen Leo und Bill wird, der Ausgang für eine lebenslange Freundschaft wird, kann man hier noch nicht ahnen, aber bald wird man die Reflektionstiefe Leos als Leser zu schätzen gelernt haben. Seine seitenweisen Betrachtungen verschiedenster Gemälde, die Einschätzung des Werkes seines Freundes Bill und die liebenden Beziehungen zu den Menschen seiner Umgebung werden zur Folie für die zwischenmenschlichen Relationen überhaupt. Hier geht es viel um das Leben miteinander, um das Verstehen, die Lügen, die Gesellschaft, die letztlich doch immer aus einem einzigen Menschen besteht, der Teil dieser Immensen Vielfalt ist und somit die Berechtigung für jede einzelne Entscheidung jedes einzelnen Menschen darstellt, aber auch klar macht, dass wir alle ein Netz von Verbindungen sind, die wir brauchen, die wir nicht kappen können.
Das ist eines der Bücher, das ich in diesem Jahr, von dem ich sprach, sicherlich mit äußerster Hingabe gelesen und als meine Bibel bezeichnet hätte, und auch jetzt ist es eines der Bücher, die ich nicht einfach ins Regal stellen werde, eines der wenigen, die ich wieder zur Hand nehme, jetzt schon, um gewisse Stellen nachzuschlagen.
Dabei ist es noch nicht einmal unbedingt die Sprache Hustvedts, die mich begeistert, wenn man auch ganz klar sagen muss, dass die Sanftheit und Emotionalität dieser Autorin deutlich spürbar ist, es ist die menschliche, die zwischenmenschliche Komponente dieses Buches, die in allen Teilen wiedergespiegelt werden: in der Kunst, in der Literatur, in der Arbeit, in den Räumen, in Gegenständen, die in dem Buch auftauchen.
So wird dieses Buch zum Fundus der menschlichen Gestalt, die sich selbst ins Leben prägt. Und auch in den letzten Tagen bin ich ein wenig verändert, ein wenig von der Realität entzogen, durch diese Welt gelaufen, die ja doch immer meine eigene Wahrnehmung ist.