Leser-Rezension zu „Der Baader-Meinhof-Komplex” von Stefan Aust
am 15.04.2010
Die Dokumentation der ereignisreichen Jahre der RAF ist objektiv und kühl - doch die Ereignisse selbst brennen sich durch die Seiten hindurch in das Hirn des Lesers und am Ende ergibt die Spur, die sie hinterlassen, ein hämisches, schonungsloses Grinsen.
Was mit jugendlichem Elan und dem Kampf für ein höheres Wohl beginnt, wird im Stammheim-Prozess zu purer Realsatire, in der sich die Systemkritiker nach und nach auf das Level des Systems begeben und dieses in seiner Unfähigkeit zu Maßnahmen greift, die selbst seinen Feinden dreckig erscheinen würden. Der Verfassungsschutz versogrt die RAF mit Waffen, der Bundesnachrichtendienst installiert Abhöranlagen in Anwaltszellen und Baader und Co. zeigen bei jedem Prozesstag, dass sie das "Wörterbuch der deutschen Flüche" vollends verinnerlicht haben und fordern den US-Präsidenten als Zeugen. Diese zwei Feinde haben sich verdient, wie zwei Schlangen, die sich gegenseitig auffressen. Wer sich für die RAF interessiert oder einfach nur einen schönen Grund sucht, den Staat ein weiteres Mal zu verurteilen, hat "Der Baader Meinhof Komplex" zu lesen, hat es zu verschlingen, hat es zu verinnerlichen, dieses Manifest des menschlichen und staatlichen Versagens, diese Dokumentation von Verbrechen, die sich nie als solche bezeichnen würden. Objektiv, detailgenau, ehrlich, mitreißend und wichtig, gar unentbehrlich: Das ist brachiale Geschichte, die in ihren Ausmaßen im Endeffekt nahezu sinnlos ist - oder etwa doch nicht?

