Schon länger interessiert am Thema "Rote Armee Fraktion" und auf der Suche nach einem literarischen Einstieg kam ich natürlich nicht an dem viel gelobten und mit Preisen überhäuften Standardwerk "Der Baader Meinhof Komplex" von Stefan Aust vorbei. Meine abschließende Meinung nach Beendigung ist jedoch zwiegespalten, lieferte mir das Buch zwar eine Hülle von Informationen, die mich in der Art ihrer Präsentation jedoch streckenweise zu erschlagen drohten.
Auf fast 700 Seiten skizziert Aust das Thema mitunter staubtrocken, was dem Lesespaß im Endeffekt wenig zuträglich ist und ein schnelles Vorankommen mit der Lektüre beinahe unmöglich macht. Hinzu kommt das Fehlen jeglicher Bilder oder Fotos, welche das Schriftbild und die sehr langen Absätze eventuell etwas aufgelockert hätten. Zudem wäre man dadurch auch eher imstande, einen näheren Bezug zu den einzelnen Mitgliedern der RAF zu bekommen bzw. sich bildlich gewisse Abläufe vorstellen zu können. So wird der Leser von der schieren Fülle an Details aus Ulrike Meinhofs oder Andreas Baaders Leben einfach nur erschlagen. Dies sind allerdings auch die einzigen wirklichen Kritikpunkte, denn insgesamt kann man Autor Stefan Aust wenig vorwerfen.
Und es besteht kein Zweifel: Wer sich über die Entstehung und die Anfänge der RAF umfassend informieren will, hat mit "Der Baader Meinhof Komplex" das perfekte Buch zur Hand, werden hier doch detailliert die Strukturen und Geschehnisse dargelegt, welche zur Bildung der Baader-Meinhof-Gruppe führten. Dabei beschränkt sich der Autor vorwiegend auf die Zeit zwischen 1967 und 1977. Nachfolgende Ereignisse, die RAF als solche existierte ja noch bis Mitte der 90er Jahre, finden deshalb keine Erwähnung bzw. werden gegen Ende nur am Rande gestreift.
Für heutige Leser ist es sicherlich ein schwieriges Unterfangen, die damalige Stimmung in der Gesellschaft und das daraus resultierende immense Gewaltpotenzial einer terroristischen Vereinigung wie der RAF nachzuvollziehen, weshalb Aust für die verständliche Art und Weise, wie er diese vergangene Epoche der Bundesrepublik herüberbringt, großes Lob gebührt. Schon im ersten Kapitel, das sich unter dem Titel "Wege in den Untergrund" mit der Entstehung der Gruppierung (damals noch unter dem Namen "Baader-Meinhof-Gruppe") beschäftigt, nimmt den Leser auf eine Zeitreise, in deren folgenden Verlauf alle Geschehnisse im Zusammenhang mit dieser Gruppe detailliert beleuchtet und dargestellt werden. Und über die ganze Distanz schafft es Aust stets sachlich und neutral zu bleiben, was angesichts der heiklen und auch heute noch sehr brisanten Thematik eine beachtliche Leistung ist.
Dass es auf der anderen Seite genau diese Detailfülle ist, welche das Buch teilweise extrem anstrengend zu Lesen macht, mag man zu Recht kritisieren. Es darf sicherlich diskutiert werden, ob exakte Angaben von Straßennamen und Medikamentennebenwirkungen zum Thema beitragen. Dennoch muss man dies akzeptieren, da es sich um ein Sachbuch handelt, in dem ein Spannungsbogen im klassischen Sinne nun mal auch nichts zu suchen hat. Wer also ein Buch sucht, um zu verstehen, was die RAF erreichen wollte, warum es so gekommen ist und wer die Persönlichkeiten dahinter und die damit verbundenen Strukturen kennen lernen möchte, findet hier das immer noch mit Abstand beste Buch dafür.
Insgesamt ist "Der Baader Meinhof Komplex" ein unangefochten umfangreiches Werk zu einem wichtigen Stück deutscher Geschichte, mit es dem es sich auseinanderzusetzen auch jetzt noch lohnt und das als Einstiegswerk in das Thema RAF bestens geeignet ist.