Leser-Rezension zu „Alles was du siehst” von Stefan Beuse
am 25.08.2009
Eingereicht von Mr. Rail:
Ich werfe einen Blick zurück ins Wohnzimmer, fahre mit der Hand an der Außenseite des Buches entlang, drehe es und erkenne das Bild auf dem Umschlag, schlage es langsam auf, taste die erste Seite mit meinen Augen ab, verschließe mich und widerstehe dem einsetzenden Lesereflex nicht, halte mich am nicht existierenden roten Lesefadenbändchen fest und lasse mich fallen - tauche
in die Geschichte ein.
Blätter rauschen an mir vorbei - auf Seite fünf verliert die Realität um mich herum die erste Dimension - auf Seite dreißig schrumpft meine Wahrnehmung auf die Tunnel-blickgröße eines Süchtigen - auf Seite siebzig beginne ich die Menschen zu hören, an deren Geschichte ich teilhabe - auf Seite einhundert halte ich den roten Faden nur noch lose in meiner klammen Hand - auf Seite einhundertfünfzig kämpfe ich gegen den Strudel an, beginne Konzentra-tionsübungen um in meiner Welt zu bleiben - auf Seite einhundertsechzig versagen meine Sinne, mein Puls-schlag erhöht sich, ich treibe - auf Seite einhundertvier-undsiebzig wird es dunkel - jetzt kommen die Bilder....
Da ist Kasey Sierra - eine Schönheit, die es nicht erträgt, wahrgenommen zu werden und in Randal jemanden ge-funden hat, der sie verkennt. Sie hört eine Stimme in ihrem Kopf und findet Trost unter einem Baum, der mit Kamera-deckeln und Tränen wirft.
Ich fühle mit Professor Nunn, der auf der Suche nach seiner Wahrheit seine einzige Tochter in den Tiefen des Meeres verliert und werde Zeuge einer atemberaubenden Suche nach dem Mädchen.
Ich sehe Ned in seinem Taucheranzug auf einem Baum sitzend, mit einer Kamera die Schönheit des Augenblicks einfangend, da er sich der Frau seines Lebens nicht an-ders nähern kann.
Ich leide mit Aaron und Lia Singer, die sich verlieren ob-wohl sie so gut aufeinander aufgepasst haben - und be-wundere Lia dafür, dass sie Bilder lesen kann, besonders das Eine mit dem Mädchen, dessen Hände man nicht mehr sieht.
Und ich werde zu Nathan, dem Ghostwriter, der seine Identität verleugnet um anderen Autoren zu einem unver-hofften Comeback zu verhelfen. Aus seinem Blickwinkel erlebe ich einen geheimnisvollen Auftrag ohne Auftrag-geber, begebe mich auf eine Reise ohne Zeit und Raum. Ich folge Nathan - er nimmt mich bei meiner freien Hand und reicht mir noch mehr Lesefadenbändchen, die er verknüpft und verdreht, bis ich das Gefühl habe, nicht mehr folgen zu können.
Die Bilder fließen zusammen - der Blick öffnet sich und die Schranken der Vorstellung fallen. Eine geheimnisvolle Kraft vereint alle Ebenen und Personen - die Dimension des Augenblicks verliert ihren flüchtigen Charakter - sind alle unsere Erlebnisse und Gefühle die Summe einer größeren Gleichung - einer nie ermessenen Dimension?
Ich bin gezwungen aufzutauchen - zu atmen - das Buch zu verlassen und fühle mich allein. Aber nur für einen Moment - ich habe die Bilder, die nie vergehen. Sie gehören zu mir und erweitern mein Selbst um die Dimension dieses Buches.
Herr Beuse - Du Stefan - Sie Schriftsteller, ich danke Ihnen für diese Bewusstseinserweiterung und den Blick über den Tellerrand meiner eigenen Denkdimensionen.
Kein "Kann" man lesen - kein "Sollte" man lesen - Nein - ein klares "Muss".
"Alles was Du siehst" war für einen wichtigen Zeitpunkt in meinem Leben "Alles was ich sah".

