Leser-Rezension zu „Alles was du siehst” von Stefan Beuse
am 2.06.2009
Eine Rezension nach dem Üblichen Schema Inhalt-Meinung-Fazit zu schreiben gestaltet sich hier etwas schwierig, da der Inhalt recht schnell erzählt ist und dafür geradezu Unmengen von Meinung bei mir vorhanden oder auch schon hier bei lovelybooks "unterwegs" ist. Da dies jedoch von dem Buch und Autor wohl so gewollt ist, ist es nicht weiter schlimm.
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Wir haben einen Ghostwriter, der einen unklaren Auftrag erhält, über oder für eine Person zu schreiben, die ihm völlig unbekannt ist. Er reist in eine verschneite Kleinstadt, die von Menschen bevölkert ist, die ihn zu kennen scheinen, ihm aber keinerlei Auskunft über seine Aufgabe geben.
Wir haben einen Mann, der sich in eine schöne Frau verliebt und sie rund um die Uhr filmt. Außerdem zwei Kinder, die aus ihrem gewalttätigen Zuhause in den Wald fliehen, wo eines von ihnen sich immer mehr in einem Bild verliert.
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Was wir nicht haben, ist eine Ahnung, was das alles letztendlich soll. Während des Lesens und auch danach kamen mir einige Ideen (wenn das Buch zum Nachdenken anregen soll, hat es dies völlig erreicht). Das Thema der Identität taucht ständig auf: andere sehen uns anders als wir uns sehen, und wer wir wirklich "sind" kann keiner sagen. Der Ghostwriter verliert seine Identität, als er sich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann...Wasser ist allgegenwärtig: mehrere Personen ertrinken, überall liegt Schnee, die Stadt liegt an einem See. Das Hinabtauchen ins Wasser und das Hinabtauchen in die eigene Seele/das Unterbewusstsein verschwimmen sozusagen. Die Geschichte erscheint unwirklich. Obwohl sie sich zuweilen wie ein "normales Buch" anfühlt, meinte ich oft, die Nacherzählung eines nächltlichen Traumes zu lesen, in der Figuren sich nicht verhalten wie im Wachzustand, sondern eher bestimmte Funktionen erfüllen. Dafür, dass alles letztlich nicht real ist, spricht auch, dass unser namenloser Autor die ganze Zeit über nichts trinkt (schon wieder Wasser!), was mehrmals erwähnt wird und umso erstaunlicher ist, da er sehr wohl isst. Wenn aber alles nur ein Traum ist, in dem jemand sich eine Welt erschafft und mit sich selber auseinander setzt, stellt sich die Frage: wer träumt diesen Traum? Kann man eine der Figuren mit dem Träumenden gleichsetzen oder sind sie alle nur gleichrangige Facetten seiner Psyche?
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Wie unschwer zu erkennen ist, hat die Lektüre bei mir weit mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet wurden. Im Allgemeinen würde ein solches Buch mich höchst unbefriedigt und fast wütend - da ich um meine wohlverdiente Aufklärung gebracht wurde - zurück lassen. Dies ist hier nicht der Fall. Zum einen ist es völlig offenkundig (und vom Autor in der Diskussionsrunde auch zugegeben), dass dieses Buch nicht eindeutlig verstanden werden soll. Wo es aber keine richtige Interpretation gibt, muss ich mich auch nicht aufregen, dass meine falsch ist. Zum anderen ist das Buch so schön geschrieben, dass es ein wahrer Genuss ist es zu lesen.
Wer ein Buch sucht, das er zum Einschlafen lesen kann, ist hier fehl am Platze. Wer hingegen etwas möchte, das ihn lange beschäftigt, über das er nachdenken kann und das sicher auch beim dritten Lesen noch interessant ist, ist hier genau richtig.

