Leser-Rezension zu „Hemmersmoor” von Stefan Kiesbye
am 27.02.2011
O schaurig ist's, übers Moor zu gehn...
Schon seit dieses Buch vor Kurzem hier ankam, lag es irgendwie lockend in der Ecke - so als werfe es seine Fangnetze nach mir aus. Immer wieder streifte der Blick zum düsteren Cover, bis ich es nicht mehr aushielt, und halb widerwillig, halb fasziniert mit der Lektüre begann. Von da ab gab es kein Entrinnen mehr. Genau wie die Protagonisten in diesem Buch, sollte und wollte ich Hemmersmoor nicht mehr entkommen. Einen ganzen Tag lang litt, rätselte und verschlang ich, bis ich nach den gut 200 Seiten erschöpft wieder ans Tageslicht taumelte.
Doch eines will mir nach wie vor nicht gelingen: dieses Buch in eine auch nur irgendwie geartete Schublade zu stecken. Schauerroman? Nur bedingt. Schaurig sind die Geschehnisse zwar, doch ist die Handlung, insofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann, viel zu schlaglichtartig. Man erhält als Leser ein Porträt einer Dorfgemeinde, das ja, und man versteht auch ansatzweise die seelischen Verstrickungen der vier Erzähler Martin, Christian, Linde und Anke. Aber um es wirklich als "Roman" zu bezeichnen, nun ja, da fehlt einfach das vereinende Moment. Sicher, alle vier haben in diesem Dorf gelebt und gelitten, aber letztlich hat jeder sein eigenes grausames Schicksal und Geheimnis durchlebt.
Auch die Bezeichnungen "Thriller" oder "Gruselgeschichte" wollen nicht so recht greifen. Zwar gibt es Geschehnisse, die nach außen hin totgeschwiegen werden - aber innerhalb des Dorfes ist eigentlich alles mehr oder weniger bekannt, der "Thrill" spielt sich also nur im Kopf des Lesers ab. Gruselgeschichte - nun ja, diese Bezeichnung lasse ich noch am ehesten gelten. Wobei die Bezeichnung "Geschichte" mit Vorsicht zu genießen ist. Es wird hier ein Motivteppich gewoben, und der Autor scheut sich dabei nicht, auch auf Eindrücke von berühmten Kollegen zurückzugreifen. Ich würde nicht sagen, dass es ganz bewusste Anspielungen sind - aber es gibt immer wieder Anklänge, Farben, Reminiszenzen, die sich fast unmerklich in diesen Teppich weben. Der Autor sammelt dabei von Autoren wie Stephen King, Shirley Jackson ("The Lottery"), Wilkie Collins, E. T. A. Hoffmann, Ottfried Preußler ("Krabat") und Lewis Carroll ("Alice im Wunderland"); ja, sogar filmische Anklänge gibt es ("Pans Labyrinth" und "Blair Witch Project"). Doch all dies Material wird von Stefan Kiesbye zu einem völlig eigenständigen Werk verarbeitet, und dafür gebührt ihm Hochachtung!
Ein wenig flapsig könnte man dieses Buch als "Ring der Niederungen" bezeichnen. Denn das Buch schließt einen erzählerischen Kreis: Es beginnt mit einem Prolog, in dem sich Martin, Alex, Christian und Linde auf der Beerdigung von Anke treffen. Danach streift es abwechselnd durch die Kindheiten der Beteiligten, wobei merkwürdigerweise nur Alex als Erzähler nicht auftritt. Wir begleiten diese fünf verdammten Charaktere von ihrer Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter, und landen am Ende in einem Epilog, der wieder in der Gegenwart spielt. Christian ist hierbei derjenige, der die Fäden in der Hand zu halten scheint - mit ihm beginnt und endet das Buch.Ich würde jedem Leser dringend dazu raten, nach Beendigung des Buches zumindest den Prolog noch einmal zu lesen - denn dann erschließt sich einem erst so manche Anspielung!
Seine besondere Bedeutung erhält das Buch durch eine Entdeckung, die Christian (es war doch Christian...?) im letzten Drittel der Geschichte macht. Denn die alten Bahngleise führten eben nicht nur bis zu Brümmers Fabrik, nein, dahinter lag noch etwas anderes, etwas, was erklärt, warum diese Dorfgemeinschaft immer zusammenhielt, und lieber von sich ablenkte, als zu viel Aufhebens zu machen... Das möchte ich nicht näher erläutern, weil es wirklich für mich DER absolute Knalleffekt des Buches war. Ich sage nur, dass es unmittelbar mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatte, kurz nach dessen Ende die Handlung ja auch beginnt...
Auf einzelne Erzählstränge oder Motive möchte ich gar nicht näher eingehen, weil ich das voyeuristisch fände, und weil man dem Buch damit auch nicht gerecht wird. Man stelle sich in etwa vor, die Schlagzeilen der "Bild"-Zeitung über einen längeren Zeitraum zu sammeln, dann hat man in etwa alles, was sich in diesem Buch so abspielt - fast jede Grausamkeit, die man sich rund um Kinder und Familien so vorstellen mag. Dennoch wirkt es nicht übertrieben, weil es der Autor eben versteht, alles kunstvoll in der Schwebe zu halten. Dazu noch das, was hinter Brümmers Fabrik lag, und fertig ist der perfekt gestaltete, düstere Mikrokosmos.
Aber wem würde ich dieses Buch empfehlen? Sicherlich nicht einem zart besaiteten Leser. Auch keinem Thriller-Fan, weil es dafür zu gemächlich daher kommt. Sicherlich aber einem literarisch interessierten Leser, der Freude daran hat, die Originalität dieses Werkes auszukosten, und der den vielen Anklängen nachspüren mag. Ich persönlich kann mich nur bei Verlag und vorablesen für dieses herausragende Lese-Erlebnis bedanken!

