Leser-Rezension zu „Phantastische Nacht” von Stefan Zweig
am 6.01.2010
Die Macht des Zufalls ändert in dieser minutiösen Titelnovelle das Leben eines Mannes, weil er im "Abschaum des Lebens" neue Freude findet. Im Gedächtnis verbleibt v. a. die Schilderung des Randgeschehens eines Pferderennens. Doch schafft Zweig auch sonst schöne Bilder: "Wie ein Tropfen Öl auf dem bewegten Wasser" fühlt der Protagonist sich etwa unter Menschen auf der Straße, die Szenen der Großzügigkeit sind herrlich kindlich-naiv und die Beschreibung der Erforschung des eigenen Inneren ("eine Treppe in mich hinein") gefällt mir ebenfalls gut. Zudem beschreibt er überzeugend die Fremdheit in der Stadt und den Hunger nach Leben, doch bleibt das ganze Geschehen in seiner Plötzlichkeit (wie der Titel schon verkündet) unglaubwürdig.
Ähnlich detailliert geht es in den "Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau" zu. Das genaue Beobachten zählt zwar zu den Stärken des Autors, doch geschieht dies auf dem Grat zur Langatmigkeit, wenn z. B. sehr genau Hände beim Glücksspiel beschrieben werden. Außerdem fragt man sich schon ab und zu, warum Zweig dermaßen oft zum Thema Selbstmord zurückkehrt, es in jeder zweiten Erzählung auftaucht. Die Bilder sind ähnlich gut gelungen wie in der Titelnovelle, etwa der verzweifelte Mensch auf der Bank im Regen. Mir kommt die Rahmenerzählung etwas überflüssig vor, ja sie ist wohl eher eine Einleitung geworden.
Die anderen Erzählungen sind guter Durchschnitt: "Die Gouvernante" ähnelt in der Perspektive der Erzählung "Brennendes Geheimnis" (Kinder verstehen noch nicht alles), "Die spät bezahlte Schuld" ist eine schöne Geschichte zum Thema Dankbarkeit, "Die Frau und die Landschaft" hat mir am wenigsten gefallen, ist mir viel zu beschreibend und inhaltsarm, obwohl es literarisch wenig zu bemäkeln gibt und "Sommernovellette" ist ganz nett, so dass ich zwischen drei und vier Sternen schwanke.

