Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens
"Wer stark fühlt, beobachtet wenig, alle Glücklichen sind schlechte Psychologen. Nur der Beunruhigte spannt alle Sinne zu äußerster Schärfe, Instinkt der Gefahr macht ihn klug über seine natürliche Klugheit hinaus.”
Stefan Zweig
Stefan Zweig war ein bescheidener Mensch.
Damit meine ich nicht seinen Lebensstil, sondern die Art, wie er schrieb. Seine Werke kommen ohne Pomp und Prunk aus. Selten benutze er lange Schachtelsätze, in denen ein Komma das nächste jagt, und er feiert sich auch nicht selber darin.
Im Leben war Zweig fast scheu und eben bescheiden im zwischenmenschlichen Umgang und so sind auch seine Werke meist gehalten. Sie sind fast schon schlicht geschrieben - zumindest mögen sie in der Form so erscheinen. Beginnt man jedoch, sie zu lesen, offenbaren sie eine atemberaubende Pracht.
Stefan Zweig war ein Beobachter.
Seine Faszination galt der menschlichen Seele. Ich kenne keinen Autor, der derartig genau beobachten und erfassen konnte, was selbst in kleinsten Gesten verborgen liegt. Immer war es die Psyche der Menschen, die ihn magisch angezogen hat, und oft agieren seine Figuren in Ausnahmesituationen, denn meist sind sie es, die Charaktere deutlicher hervortreten lassen. Zweig scheint nichts verborgen zu bleiben, aber nie zieht er die Figuren brutal aus, sondern er begleitet sie und erzählt oft ganz zart von ihnen.
Stefan Zweig ist ein Literat für jedermann.
Damit meine ich, dass es leicht ist, ihn zu lesen. Er versteckt seinen Genius nicht hinter dicken Türen aus Bildung, Stolz oder Eitelkeit. Er war bescheiden und ihn durchdrang eine Form von Demut. Seine Werke strahlen in schlichter Eleganz und sie sind dabei ganz rein und zart. Es wird mir nicht gelingen, seine Wirkung auf mich hier so wiederzugeben, wie ich es tun müsste, denn mir fehlt dazu die Fähigkeit.
Zweig formuliert exakt, ohne dabei wissenschaftlich zu sein. Im Gegenteil: Er arbeitet sich so nahe an seine Figuren heran, dass er mit ihnen zusammenwächst. Er fühlt mit. Er leidet mit - hofft mit.
Ich sage mal unbescheiden, dass ich schon viel gelesen habe, aber wirklich niemals war ich so beeindruckt, wie bei Stefan Zweig. Seine Werke sind zeitlos und seine Feder bescheiden und doch atemberaubend elegant. Zweig bringt uns seine Figuren so nahe, dass es fast wehtun kann. Dieser Schmerz aber wird oft getragen von der Zartheit und Anmut seiner Sprache, die uns mithoffen lässt - mitfühlen - mitleben.
Ich übertreibe nicht, wenn ich dem Leser, der Zweig nicht kennt, prophezeie, dass er weder seine Art zu schreiben vergessen wird, noch die Geschichte der beschriebenen Figur, wenn er begonnen hat, ihn zu lesen.
Ich glaube, Zweigs Geheimnis liegt in seinem Wesen. Einerseits verfügte er über die Gabe, genau hinsehen zu können und seine Beobachtungen in wundervolle Worte zu kleiden, und andererseits war er in einer Art bescheiden, die hinreißend ist. Er war tief von Nächstenliebe durchdrungen und ein brennender Verfechter eines humanen Miteinander. Er wusste um die Abgründe menschlichen Daseins und die oft vergeblichen Versuche, sich ihnen zu entziehen - und doch war es immer sein Streben nach Harmonie und Liebe, die ihn antrieb.
Stefan Zweigs Werk drehte sich um 2 Säulen.
Zum einen waren dies Biografien historischer Persönlichkeiten.
Es wäre ein Fehler, zu denken, dass diese trocken seien und wenig Freude beim Lesen versprechen könnten.
Zweig rankt sich um die Figuren, die er beschreibt. Es war weniger sein Ziel, Daten zu sammeln und wiederzugeben, sondern er interessierte sich für das Wesen der Person. Zweig wächst fast in die Figur hinein. Es ist atemberaubend, dies mitzuerleben. Immer war es sein Bestreben, herauszuarbeiten, wie ein Mensch im Innersten fühlt und denkt.
Seine Biografien zu lesen ist ungeheuer spannend. Sie saugen den Leser regelrecht an die Person heran.
Man lernt Menschen kennen wie Balzac, Maria Stuart, Maria Antoinette, Casanova, Tolstoi, Dostojewski, Freud, Magellan, Erasmus von Rotterdam, Hölderlin, Kleist, Nietzsche und Joseph Fouché.
Fein geschrieben und spannend erzählt bringt Zweig dem Leser die Person in einer Art nahe, wie ich sie so nirgendwo sonst fand.
Den zweite großen Bereich in Zweigs Werk nehmen Erzählungen und Novellen ein. Er schrieb nur zwei Romane. Seine Kurzgeschichten sind - jede für sich - Filetstücke erzählerischer Kunst.
Meist treffen wir in ihnen auf Personen in ungewöhnlichen Situationen und oft ist auch eine gewisse Tragik dabei.
Unvergessen z.B. wird mir der kleine Edgar bleiben, der in “brennendes Geheimnis” mit seiner Mutter in den Urlaub fährt und dort einen Baron kennenlernt, der sich ihm zuwendet, um die Mutter zu gewinnen. Edgar glaubt, seinen ersten Freund aus der Welt der Erwachsenen gefunden zu haben und steht lichterloh in Flammen. Nachdem es dem Baron gelang, die Brücke zur Mutter zu schlagen, bleibt der Junge als nun überlflüssig und unerwünscht zurück und versucht, das Desinteresse und die neue Abneigung des Mannes zu begreifen. Er wird hin und her geworfen zwischen Verzweiflung, Zorn und Erkenntnis.
Unvergessen auch die Szene aus “Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau” in der Zweig einen Spieler beschreibt, der beim Roulette sein letztes Geld verspielt. Auf mehreren Seiten beschreibt Zweig dort alleine das Spiel der Finger dieser tragischen Figur, die nicht weniger als ihr Leben eingesetzt hat. Dies mitzuerleben wird der Leser nicht mehr vergessen.
Weithin bekannt ist auch Zweigs “Schachnovelle” - Wer sie las, vergisst sie niemals wieder.
Ich könnte zu jeder Erzählung Zweigs seitenlange Lobeshymnen schreiben. Alle sind sie wunderbar.
Wer erinnert sich nicht an die Novelle “Angst”, in der eine Frau ihren Mann betrügt und wie ein gehetztes Tier versucht, der Offenbarung, die durch Erpressung droht, zu entgehen. Fast ist es, als teile man ihr Fieber beim lesen schmerzlich.
In “Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens” versucht Zweig, hinter den Akt der künstlerischen Betätigung zu leuchten. Er arbeitet heraus, was dort eigentlich geschieht. Warum malt ein Maler und was passiert, wenn ein Autor beginnt, Gefühle und Gedanken in Worten niederzuschreiben? Zweig rankt sich in diesem Werk tatsächlich um nicht weniger, als das Geheimnis des künstlerischen Schaffens. In bin nicht talentiert genug, wiederzugeben, wie ungeheuer genau, liebevoll und fast magisch Stefan Zweig hier vorgeht.
Er vergleicht z.B. das Schaffen Beethovens mit Mozarts, indem er ihre Handschriften vergleicht. Er liest im Schwung ihrer Feder ihr Wesen heraus und überträgt das in ihr Werk - Ein wunderbares Buch.
Stefan Zweig ist ein Meister der deutschsprachigen Literatur.
Ein Virtuose der Wortwahl und ein ganz großes Herz.
Keine seiner Figur wird vergessen werden können, so man sie kennengelernt hat und seine Geschichten wirken lange nach - bei mir teilweise auf Jahre.
An Zweigs Sprache kann man sich laben wie an einer Tränke und sein Einfühlungsvermögen ist ein Vorbild an Nächstenliebe und tiefer Klugheit.
Seine Bescheidenheit lässt ihn schlichte Worte wählen - Ihre tiefe Genauigkeit jedoch überwältigt den Leser.
Atemberaubend sind sie - voller Anmut, Kraft und Unvergänglichkeit.
Wer Zweig noch nicht kennengelernt hat, kann sich auf wunderbare Lesestunden freuen.
Stefan Zweig verändert den Leser nachhaltig - er schenkt ihm neue innere Gärten - das kann ich versprechen.
Hier zwei erste Empfehlungen:
Beides sind Sammlungen seiner Erzählungen…..
Verwirrung der Gefühle
ISBN: 3-569-25790-5
Buchmendel
ISBN: 3-569-11416-0