Leser-Rezension zu „Ungeduld des Herzens, Sonderausgabe” von Stefan Zweig

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Verfasst von Gelöschter Benutzer
am 2.01.2009
 

Süß wie eine Sachertorte, doch gleichermaßen eindringlich spannend und beklemmend, sowie von psychologischem Scharfsinn und philosophischer Tiefe gezeichnet: Stefan Zweigs einzig zu Ende geführter Roman „Ungeduld des Herzens“.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Fauxpas eines jungen Soldaten, der bei einem Empfang Edith, die Tochter des adeligen Gastgebers, zum Tanz auffordert, ohne zu wissen, dass sie gelähmt ist. Die Situation eskaliert. Nicht nur die junge Edith erleidet einen Gefühlszusammenbruch, die Peinlichkeit treibt den Soldaten in die Flucht. Der nächste Tag glättet die Wogen, man findet sich wieder im Schloss zusammen. Mitleid bemächtigt sich des Herzens des Soldaten, er besucht die Gelähmte nun täglich, eine Freundschaft nimmt ihren Anfang. Er steigert sich förmlich in die Fürsorge, kostet den erhebenden Rausch des Helfens, zusätzlich angeregt durch die Dankbarkeit des Vaters und das Zureden des behandelnden Arztes, letzten Endes maßlos aus. Denn die Situation eskaliert aufs Neue, als Edith sich in ihn verliebt. Eine Liebe, die er nicht erwidern kann.

Rauschhafte Gefühle, die an Wahn grenzen, das ist ein Motiv, welches sich im Werk von Stefan Zweig vielfach findet. Es ist augenscheinlich, dass Zweig besonders viel an Menschen lag, die so stark empfinden, dass es an Ohnmacht, Überwältigung und mitunter gar Tobsucht grenzt. Man sieht dies auch an den Schriftstellern, derer er sich in seinen großartigen Essays annahm: Hölderlin, Kleist und Nietzsche, behandelt in „Der Kampf mit dem Dämonen“, aber auch beispielsweise Balzac, der zwar mancher Orte als Dutzendautor verpönt, doch auch eine ganz ausgeprägte Gefühlswelt besaß (so trieb im Einst der Tod seiner Protagonistin die Tränen in die Augen – ihm misslang das Aufwachen aus den eigen geschaffenen Welten ) und nicht zuletzt Dostojewski, der ganz unzweifelhaft unter Dämonen und rauschartigen Gefühlen litt. Woher kam diese Leidenschaft Zweigs? Sah er diese Züge in sich selbst? Oder war es vielleicht ein Fehlen solcher rauschhaften Gefühle, die jene Neugier begründete?

Man reduziert Zweig oft auf seinen Stil. Auch wenn dies ungerechtfertigt ist, leuchtet doch ein, wie eine solche Annahme entstehen kann: Denn er war ein unglaublich begnadeter Sprachzauberer, geradezu artistisch meisterte er die Disziplin überlebensgroße Bilder zu zeichnen, die man taumelnd und staunend durchlebt. Ist das Kitsch? Mitnichten. Der Unterbau seiner Geschichten ist oft profund, der Scharfsinn seiner Betrachtungen steht denen von Arthur Schnitzler in nichts nach. Nie belässt er es bei der Oberfläche, seine wahre Leidenschaft ist es nicht, parfümierte Postkartenmotive vorzuzeigen, sondern tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren einzudringen, ihr Innerstes nach Außen zu kehren. Jedoch nie belehrend, eher empathisch und neugierig.

„Ungeduld des Herzens“ ist, so poetisch schön dieser Roman auch erzählt sein mag, eine aufreibende Erfahrung (das Weiterblättern nahm bei mir stellenweise fiebrige Züge an). Es sind gerade jene Momente des Wahnhaften, in der die Stärken des Werkes liegen. Man möchte regelrecht in den metaphysischen Raum greifen und die Protagonisten halten, beschwichtigen, zurechtweisen, umarmen, ohrfeigen. Die Tragik unerfüllter Liebe treibt ihre Knospen gerade dort, wo Motivationen vorliegen, die eine Maskerade evozieren, also das Leid der Unglücklichen ins Unermessliche steigern. Allzu geradlinig fällt die Geschichte jedoch nicht aus, versteht es Zweig doch brillant, durch eingeschobene Lebenslaufminiaturen geschickt die Weichen umzustellen (Paradigmen par excellence), somit ein neues Licht auf Handlungen werfen, die vormals noch eindeutig anders motiviert erschienen.

Neigt man als Leser wie ich dazu, Unterstreichungen vorzunehmen, tut man gut daran, den Stift erst gar nicht aus der Hand zu legen, denn neben dem formvollendeten Stil und den überschäumend schönen Bildern sind es vor allem die Aphorismen, die dieses Werk auszeichnen („Nur was die Seele mit mitfühlenden Augen leibhaftig gesehen, vermag sie wahrhaft zu erschüttern.“; „Immer ergibt gerade das Gegensätzliche, sofern es sich richtig ergänzt, die vollendetste Harmonie, und oft erweist sich das scheinbar Überraschendste als das Natürlichste.“; „Nur haben starke Glückszustände wie alles Rauschhafte zugleich etwas Betäubendes; immer lässt intensives Genießen des Augenblicks das Vergangene vergessen.“ u.s.w.).

Zuletzt ist auch der Selbstmord ein zentrales Thema des Romans. Selbsttötung als Zeichen des Protests, oder entstanden aus scheinbar unüberwindlichen Hindernissen – manchmal auch beides zugleich. Die Behandlung des „einzig wirklich ernsthaften philosophischen Problems“ (Camus) ist gerade auch deshalb von Interesse, da Stefan Zweig ebenfalls freiwillig aus dem Leben ging (angesichts dem Zerfall seiner Welt, verantwortet durch die braunen Bestien des Nazi Regimes). „Ungeduld des Herzens“ ist also nicht nur eine weitere Ergänzung des brillanten Gesamtwerks aus Novellen, Essays, Biographien, Reiseberichten, Briefen und Miniaturen, sondern bietet auch Gelegenheit, dem Menschen, der uns solch wundervolle Zeilen hinterließ, näher zu kommen.

„Die Sterne glänzten, und mir war, als glänzten sie mich zärtlich an. Der Wind strich sordiniert über die verlöschenden Felder, dunklen Brodems voll, und mir war, als sänge er zu mir. Jener reine Überschwang kam über mich, da alles gut und begeisternd scheint, die Welt und die Menschen, da man jeden Baum umarmen möchte und über sein Holz hinstreichen wie über eine geliebte Haut.“ Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens

 

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