Eine Persiflage auf alle Historische Romane ... aber so richtig fühlt man sich als Historische-Romane-Autorin nicht angesprochen, weder aufs Korn genommen noch kritisch angestupst.
Aber von vorn: worum geht es bei Lilian, der "Knebel von Mavelon?"
Steffi von Wolff versucht mit viel Witz alles in einen Topf zu werfen, was sich so um 1530 in Norddeutschland zugetragen haben könnte und das im Befugnisbereich einer jungen, na klar hübschen, Kräuter-Hexe, Lilian Knebel, die mithilfe von Stutenpipi und Yamswurzel zufällig die Anti-Baby-Pillle erfindet. Und diese, also die Pille, ist sozusagen der rote Faden, der den Leser durch den Schmöker führt.
Lilians Verbündete ist die junge Cäcilie, auch eine Kräuterkundige. An der Bäuerin Konstanze wird die Anti-Baby-Pille erprobt und leider von ihrem Mann entdeckt. Der Kräuterzauber nimmt ein jähes Ende und die drei Frauen werden in den Kerker zu Münzenberg verfrachtet, wo sie von Bertram, dem Scharfrichter mit Profilneurose, Laurentius, dem hypochondrischen Schwulen, der sich noch nicht geoutet hat und Brabantus, dem Fresssüchtigen gerettet werden.
Dann geht die Reise gen Norden los. Und nicht nur, dass ihnen ein vom rechten Pfade abgekommener Priester (und Allergiker statt Kleriker), Luzifer (!) über den Weg läuft, nein auch Martin Luther höchstselbst begiebt sich mit den Damen gemeinsam auf den (Feld-)Zug gegen den Katholizismus. Das reicht aber noch nicht, denn die Gräfin von Münzenberg, wie sich herausstellt sexsüchtig, nimmt von zu Haus reißaus und schließt sich dem eigenartigen Grüppchen an. Sie legt alles flach, was ihr zwischen die Schenkel kommt, auch Luzifer, und verdient so die lebensnotwendigen Taler. Die heulende Konstanze, die karrieristische Cäcilie, der neurotische Bertram, der phobitische Lautentius, der niesende Luzifer, die notgeile Valeria, der rachelüsterne Luther teffen dann weiter auf Robin Hood und Anne Boleyn.
Nicht nur zu Land, sondern auch zu Wasser reist die Gruppe, die kein rechtes Ziel hatte, bevor Anne Boleyn über "die Heinrich" (den VIII) geschimpft hatte und trifft - natürlich, wie konnte es anders sein - auf Michelangelo und Sandro Boticelli - siehe Covergestaltung, welche ich sehr sehr trefflich und sehr witzig hergeleitet finde, denn in Ermangelung von Wind, wird dem Model künstlich Wind gepustet. Wir wissen nun endlich, wen Boticelli als "Venus" zum Vorbild genommen hat: Lilian Knebel und die Allegorie des Windes sind der Schwule und der Verfressene. (Und weil es Lilian so kalt ist, malt ihr Boticelli rot-schwarz-gekringelte Strümpfe!) Damit aber noch nicht genug. Lilian Knebel verliebt sich in Boticelli, sie erleben heiße Liebesnächte auf dem Kutter mitten in der Nordsee. Angetrieben wird das Schiff übrigens - weil ja kaum Wind weht - von rudernden Sklaven, die habens aber nicht so eilig, denn "probier´s mal mit Gemütlichkeit ..." Dann wird das Schiff von keinem Geringerem als Klaus Störtebecker geentert und die heulende Konstanze verliebt sich sofort in das Raubein.
Ahab, der mit Moby Dick kämpft, findet auch noch seinen passenden Auftritt, Valeria und Luzifer üben sich im "flotten Dreier" mit Michelangelo und dann irgendwann kommt die Gruppe endlich nach England, wo man "die Heinrich" die Leviten lesen wird. Heinricht ist gestürzt und enthauptet, Anne Boleyn übernimmt alle Regierungsgeschäfte und die Deutschen kehren nach Hause zurück. Schluss.
Puh.
Jetzt fragt man sich, wozu dieses Buch gut ist?
Eine Persiflage allein kann es nicht sein, das hätte sich auch viel lakonischer und sarkastischer anstellen lassen können. Vielleicht hatte Frau von Wolff keine Lust mehr auf "Fremd küssen" und "Glitzerbarbie" in der Gegenwart und wollte Beziehungskisten einfach vor einer ganz anderen Kulisse zeigen.
Die einzige Lust, die mit "Knebel von Mavelon" befriedigt wird, ist die Lust, Unmögliches zu entdecken. Die Figurenkonstellationen und Erfindung von Begebenheiten sind oftmals urkomisch überraschend, aber auf keinen Fall als Lektüre mit Bildungsanspruch an den Geschichte-Nachhilfe-Unterricht zu empfehlen. Höchstens in der Kunst des Schnitzen von Dildos (Dildetta Robusta) wird der Leser aufgeklärt, da scheint sich die Autorin bestens auszukennen. (Aber die Gefahr, sich Schiefer einzujagen, macht denHolzdildo doch wenig überzeugend.)
Ach ja... und Lilian kann auf dem Besen in echt reiten!
I.Hübner