Zbigniew Meier, Hauptkommisar bei der Kölner Stadtpolizei, ermittelt in seinem ersten Fall. Der wohlbehütete 15-jährige Timo Linder wird vermisst. Sohn einflussreicher und wohlhabender Eltern, Eliteschüler und auf den ersten Blick eben absolut geheimnislos. Unauffällig gegenüber seinen Mitschülern, sehr wohl gemocht aber dennoch meist für sich. Er beschäftigt sich in seiner Freizeit anscheinend ausschließlich mit Büchern und klassischer Musik.
Meier kommt das Verhalten der Eltern irgendwie seltsam vor und daher streckt er seine Fühler ein wenig aus. Nach und nach entsteht immer mehr der Eindruck, dass Timo abgehauen ist. Das er einfach die Nase voll hatte von seinem Elternhaus. Immer an der „kurzen Leine“ gehalten und ausserdem hatte er zu Hause eigentlich keinerlei Privatsphäre.
Zbigniew Meier bekommt plötzlich aus Turin die Nachricht, dass der Torso eines Jungen gefunden wurde. Grausam verstümmelt und vor seinem Tode auf schwerste Art und Weise missbraucht. Handelt es sich um Timo? Was hatte der Junge für Verbindungen nach Turin? Meier setzt sich in den nächsten Flieger und ermittelt weiter, sein Bauchgefühl lässt ihm einfach keine Ruhe….
Das soll es zum Anriss der Handlung gewesen sein. In dem 510 Seiten starken Buch, erschienen als schöne gebundene Ausgabe im Eichborn Verlag, umhüllt von einem sehr ansprechenden, geprägten Schutzumschlag mit tollem Cover, steckt noch soviel anderes.
Dies ist der Debütroman von Stephan Brüggenthies und der hat es wahrlich in sich. Der Buchtrailer beschreibt ihn als düster. Das kann ich sicherlich unterschreiben, das ist er und an vielen Stellen auch wirklich krass. Dennoch verbirgt sich in der Story sehr viel mehr.
Der Charakter des Kommisars Meier ist sehr sympathisch. Ein greifbarer Typ von 37 Jahren, der die Stadt in der er lebt – Köln – liebt und dies auch gerne zum Ausdruck bringt. Der eine 17-jährige Freundin hat, was alles andere als einfach im Alltag ist. Ein Mensch, der nicht aufgibt, sei es wegen extremer Gefahren oder dem lästigen Bandscheibenvorfall, der ihn lahmzulegen droht.
Es macht einfach Spass dabei zu sein und ihm über die Schulter zu schauen. Es gibt einige Nebenhandlungen, die die Story auflockern und ihr immer wieder ein wenig die Dramatik nehmen, wobei der Spannungsbogen trotz allem sehr hoch und straff gespannt ist. Man hat halt nur ab und an mal Zeit kurz aufzuatmen.
Auch die anderen Figuren, Lena (Zbigniews Freundin), Zeynel (Meiers Kollege), der Staatsanwalt Lachmann oder die Tonia Lindner (die Mutter des Opfers). Sie alle wirken echt und nicht überzogen oder künstlich geschaffen.
Ich habe ja nun den zweiten Teil um den Kommisar „Die tote Schwester“ zuerst gelesen und genauso würde ich es eigentlich nicht machen. Nun, es hat sich einfach so ergeben. Und natürlich hätte ich die ein oder andere Anspielung im zweiten Teil besser verstanden, hätte ich dieses Buch zuerst gelesen. Aber dem Verständnis hat es nicht geschadet. Und ich muss sagen, es war gar nicht uninteressant nun zu erfahren, warum diese Situationen im Folgeteil dann so waren.
Brüggenthies hat einen Roman geschaffen, der einfach fesselt und mitreisst. Er ist sicherlich sehr düster aber auch oft humorvoll und auch die erotischen Passagen sind sehr gut. Hier schreibt Brüggenthies nicht um den heißen Brei, er nimmt kein Blatt vor den Mund. Stellenweise erschafft er hier eine Situationskomik, die absolutes John Irving Niveau hat.
Der Autor schreibt in einem sehr guten Stil, sprachlich gefällt mir der Roman sehr gut und die „Mischung“ stimmt einfach.Da spiegelt sich wohl die Erfahrung als Drehbuchautor für Tatort-Krimis wieder. Wobei ich die Krimis aus Papier vorziehe ;-)
Mein Fazit: Volle Punktzahl – 5 von 5 Sternen – der Roman ist absolut fesselnd, spannend, toll geschrieben und sehr empfehlenswert!
© Buchwelten 2011