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Vor 1 Jahr
(11)Stephan Kulle und ich - nicht gerade die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft. Eher ein fortwährendes Ringen. Zuerst hatte ich von ihm "40 Tage im Kloster des Dalai Lama" gelesen, und war schon damals konsterniert, weil mir das Buch erstens zum großen Teil am Thema vorbei, und zweitens fürchterlich seicht geschrieben schien. Ich dachte mir, wenn er über sein eigenes Fachgebiet, also den christlichen Glauben, schreibt, würde es vielleicht besser. Doch leider nein. Seicht - seichter - Kulle. Und schon wieder größtenteils am Thema vorbei! Das wundert mich nun doch immens. Der Mann ist Journalist, und arbeitet beim Fernsehen! Da hätte ich knackige Analysen und griffige Statements erwartet...
Ich möchte vorab betonen, dass ich selbstverständlich nicht seinen Glauben (!) be- oder verurteile. Immerhin nehme ich ihm durchaus ab, dass er überzeugter Christ ist. Ich kann aber nicht umhin, das Buch eben als Produkt, "als Buch an sich", zu beurteilen. Und daher rührt mein überwiegend negativer Eindruck.
"Warum wir wieder glauben wollen", so lautet das Motto des Buches. Recht nett eingeleitet und abgeschlossen wird es durch eine Rahmenhandlung: Stephan Kulle hat einen Freund, der schwer krank war, und sich in dieser Zeit Fragen zum Glauben stellte. Wenn ich das also richtig verstehe, nimmt Herr Kulle den Besuch im Krankenhaus, bei seinem verzweifelten Freund, zum Anlass, dieses Buch zu schreiben. Er stöbert in seinen Gedanken, um seinem Freund überzeugende Antworten liefern zu können.
Dennoch finde ich, dass er sich dann diese Rahmenhandlung hätte sparen können. Die Gedanken sind so ungeordnet, und beschreiben eigentlich eher sein ganz persönliches Erleben mit dem Thema Glauben - sie beschreiben allerdings NICHT (!), wie der Titel vermuten ließe, eine Analyse der Gesellschaft, oder religiöser Trends. Ich hätte es ehrlicher oder überzeugender gefunden, wenn der Autor aus diesem Buch eine "religiöse Autobiographie" gemacht hätte. Es fängt nämlich an mit Erlebnissen aus seiner Kindheit, geht über sein Theologiestudium über seine Zeit in Rom bis hin zum Weltjugendtag und allerlei Binsenweisheiten, die man schon tausendmal gehört hat. Ich konnte teilweise nicht mehr als zwei Kapitel am Stück lesen, weil ich mich entsetzlich durch diese Banalitäten hindurch gequält habe.
Wohlgemerkt, ich meine den Schreibstil, nicht den Glauben an sich! Jede Episode aus dem aktuellen Zeitgeschehen wird unendlich ausgewalzt, manche Formulierungen wiederholen sich mit schöner Regelmäßigkeit. Manchmal habe ich innerlich gestöhnt - nicht schon wieder ein ausufernder Abschnitt über die böse, böse Konsumgesellschaft... Was mich daran besonders ärgerte, war die unentschlossene Haltung des Autors. Da las ich immer wieder Formulierungen wie "Könnte es sein, dass..." und "Möglicherweise ist es ja so, dass..." Und was war die Antwort? "Ich weiß es nicht." Aaaaargh! Dann brauche ich dieses Buch nicht!
Es dauert geschlagene 227 Seiten, bis der Autor endlich seine selbst gestellte Frage zu beantworten versucht - erst kurz vor Ende des Buches kommt ein Abschnitt, der wie das Buch selber betitelt ist: "warum wir wieder glauben wollen". Reichlich spät. Und auch hier gibt es keine wirklichen Antworten; schon nach wenigen Zeilen verliert sich der Autor in verschwurbelten Gemeinplätzen. Ärgerlich.
Es tut mir selber fast leid, aber ich mag dem Buch einfach nicht mehr als zwei Sterne geben. Obwohl ich Herrn Kulle persönlich, so weit ich das überhaupt beurteilen kann, recht sympathisch finde. Aber ein guter Autor ist er in meinen Augen leider nicht. Ich empfinde seinen Schreibstil als eher geeignet für Kolumnen oder Kalendersprüche.
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