Inhalt (Klappentext)
«Hast du U-Bahn?»«Hab Bus!»«Binisch auch Bus.»In der ersten Zeit stellte ich mir oft die Frage, welche Gespräche man hörte, wenn man nicht wie ich auf einem Gymnasium unterrichtete. Äußerungen in der Pause waren das eine, in den Unterrichtsstunden machte ich jedoch keine anderen Erfahrungen.«Cemal! Erläutere mir doch bitte mal, wie der Humanismus dazu beitrug, dass die Europäer damals unbekannte Regionen und Kontinente entdeckten!» «Kolumbus.» «Cemal, bitte antworte im ganzen Satz!» «Wegen Kolumbus.» «Das ist noch kein ganzer Satz.» «Doch!» «Nein, da liegst du falsch.» Über diese Streitfrage in der Klasse abzustimmen, hätte Cemal zu einem Kantersieg verholfen, weshalb ich auf solche plebiszitären Elemente verzichtete und lieber fortfuhr, ihn zu triezen …
Meine Bewertung:
Der Bericht eines Gymnasiallehrers in Berlin Mitte über seine tagtäglichen Erfahrungen – das klingt auf jeden Fall nach Unterhaltung. Noch dazu handelt es sich um die Berichte eines angehenden Lehrers, der sich erst im Referendariat befindet. Neben den Schwierigkeiten eines gestandenen Pädagogen sieht er sich zugleich konfrontiert mit dem Einfinden in einer Rolle, welche vor allem lange Nächte voller Unterrichtsvorbereitung, Stress und dem Durchsetzen seiner Autorität in einer Schülerschaft verspricht, die größtenteils von Migrationserfahrenen erster oder weiterer Generationen besetzt ist. Wie man sich vorstellen kann, sind die Lehrbedingungen also nicht die besten – bestimmt aber auch nicht die Schwierigsten, wenn man bedenkt, dass es sich immerhin noch um ein Gymnasium handelt.
Über all diese ersten Erfahrungen und Probleme, die auf den Autor während seines Referendariats zukamen, berichtet er in diesem Buch auf sehr ironische und witzige Weise. Er schneidet nicht nur an, was er im Klassenzimmer alles zu hören und sehen bekommt, sondern auch, was die arbeitsintensive Zeit als Referendar im privaten Bereich mit sich bringt – Kontakt zu Freunden oder die Ausgestaltung seiner Liebesbeziehung. Und natürlich wird auch das Verhalten erfahrener Lehrer, die schon “abgehärtet” sind, thematisiert, zum Beispiel in Bezug zur Bereitschaft für Hospitation oder bei dem Umgang mit “Problemschülern”. So viel Humor, wie in diesem Buch auch stecken mag – ich kann mir gut vorstellen, dass zu den wirklichen Zuständen in Großstadt-Schulen nicht viel Fantasie aufgewendet werden muss. Und das ist doch sehr erschreckend.
Der Schreibstil von Serin ist sehr angenehm und schnell lesbar – ich hatte das Buch innerhalb von zwei Tagen durchgelesen. Es steckt sehr viel Ironie und Humor in den Zeilen, sollte man zumindest hoffen. Man bekommt einen guten Überblick über die “Niederungen deutscher Klassenzimmer” und das auf eine sehr unterhaltsame Art. Jedes Kapitel wird abgerundet durch einen typischen Dialog – sei es mit der Freundin, Schülern, Lehrerkollegen oder anderen Referendaren. Auch finden sich zur Auflockerung einige Illustrationen.
Allerdings muss ich als Kritik anbringen, dass Serin sich selbst doch ziemlich durch den Kakao zieht und sich stellenweise als Person karikiert, die manchmal unverständlich und besonders oft als Lachnummer agiert. Man merkt dem Buch an, dass es eigentlich nur zur Unterhaltung dient. Leider verschenkt er damit das Potential, was das Thema bietet, nämlich wie es um unsere Bildungs- und Migrationspolitik bestellt ist. Ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit und etwas weniger lächerliche Übertreibungen hätten dem Buch gut getan.
Mein Fazit:
Für einen entspannten Lesesonntag eignet sich das Buch auf jeden Fall. Auf lustige Art wird über die eigentlich angsteinflößenden Zustände an einer – sicher einer von vielen – Schule berichtet. Wer selbst Referendar ist oder mal war, wird sich an vielen Stellen selbst wiederentdecken. Wer ein Referendariat anstrebt, sollte durch das Buch gewarnt sein. Wie viel Witz auch immer enthalten war, an der ein oder anderen Stelle fand ich es doch ein bisschen zu albern. Gleichzeitig hätte ein bisschen Schärfe und Kritik an diesen Zuständen nicht geschadet. So bleibt es ein oberflächliches, aber sehr unterhaltsames Leseerlebnis.