Leser-Rezension zu „Pigeon English” von Stephen Kelman
am 26.08.2011
Der Debütroman von Stephen Kelman handelt von dem 11-jährigen Mirgranten Harri aus Ghana, der nun in einem sozial schwachen Stadtviertel Londons in einem Hochhaus lebt.
Der junge Ich-Erzähler Harri erzählt von seinem nicht leichten Leben in dem Viertel, wo Gewalt, Drogen und Bandenkriege an der Tagesordnung sind. Gleich zu Beginn wird Harris Nachbar und Freund ermordet, der Mörder entkommt und Harri sucht diesen auf eigene Faust und mit seinen Möglichkeiten - die, die einem Elfjährigen zur Verfügung stehen. Freund Dean hilft ihm dabei.
Harris Sprache ist Pidgin english - der Leser muss sich an Wörter gewöhnen wie "messern", "ablutschen", "Hässletten" und "Ichschwör".
Auch Harri bleibt von dem sozialen Brennpunkt nicht verschont, seine Zukunft könnte durchaus in einer kriminellen Laufbahn enden.
Seine Probleme sind unterschiedlicher Art, zum einen muss er sich in seiner Umwelt behaupten; daheim muss er der "Mann im Hause" sein, da sein Vater in Ghana geblieben ist und hinzu kommen die ganz normalen pubertären Probleme eines Elfjährigen.
Rückblicke in die Zeit in Ghana, wo die Familie noch zusammen war und Werte noch galten, stehen dem gegenüber. Harri zeichnet sie als "heile Welt". Hier hadert er zuweilen mit dem Gelernten und seiner Umgebung.
Hier will ich eine Stelle zitieren:
" Mamma sagt, Überwachungskameras sind bloß eine weitere Möglichkeit für Gott, dich zu beobachten. Wenn Gott in einem anderen Teil der Erde zu tun hat, um zum Beispiel ein Erdbeben oder eine Überschwemmung zu machen, können seine Kameras dich trotzdem sehen. Auf diese Weise verpasst er nichts.
Ich: "Aber ich dachte, Gott kann gleichzeitig überall alles sehen."
Mamma: " Kann er auch. Die Kameras sind nur eine zusätzliche Hilfe. Für Orte, wo der Teufel besonders stark ist. Damit du dich dort sicherer fühlst."
Auweia, der Teufel muss hier verdammt mächtig sein, denn überall hängen Kameras! (S. 129)"
Erwähnenswert sind die im Buch abgedruckten Schilder, die Harri staunen lassen und auch die Listen ("Anzeichen von schlechtem Gewissen" z.B.), die doch noch seine recht kindliche Sichtweise verdeutlichen.
Lässt man sich auf diesen etwas gewöhnungsbedürftigen Schreibstil ein, so hat man eine recht interessante Leseerfahrung, die auch zum Nachdenken anregt.
Nicht zu vergessen ist der zweite Ich-Erzähler: eine Taube, die ihre Gedanken ab und zu einwirft - im Roman kursiv abgesetzt. Tauben gehören zu Harris Lieblingstieren.
Zudem berührt der Roman, ist dabei aber nicht kitschig.

