Stephen King. Für viele, wenn nicht sogar für die meisten Krimileser, bedeuteten seine Werke den Einstieg in das Genre, den Beginn der späteren Lesesucht und Lust an der Literatur. An mir jedoch ist dieser Autor, vielleicht aufgrund seiner gewählten Themenfelder und der von mir wenig geliebten Horror-Sparte, stets vorbeigegangen. "Das ist nichts für mich", lautete die vorgefasste Meinung, von der ich über Jahre nicht abrücken wollte, bis jemand mir "Es" empfahl und ich es daraufhin kurzentschlossen kaufte. Monate nach dem Erwerb landete dieser 1214 Seiten umfassende Wälzer schließlich auf meinem Schoß und ich begann mit der Lektüre ... und konnte nicht mehr aufhören.
Was immer ich für Befürchtungen gehegt, mir in meiner von Vorurteilen getrübten Sicht vorgestellt hatte: Dieses Buch widerlegte bereits auf den ersten Seiten jede einzelne davon. "Es" ist mehr als die Geschichte eines bösen Clowns der Kinder tötet, mehr als blutiger Horror der gruseln soll. Und kein Klappentext, sei er noch so ausführlich, wird diesem Werk in irgendeiner Art und Weise gerecht werden. Dennoch versuche ich, in der Hoffnung dem Buch dabei so wenig Zauber wie möglich zu nehmen, die eigentliche Handlung kurz anzureißen:
Es beginnt alles in der kleinen Stadt Derry im Maine des Jahres 1957. Ein Junge geht bei starkem Regenfall nach draußen, um sein Papierboot in den Fluten der Straßen fahren zu lassen, während sein Bruder, von einer starken Erkältung ans Bett gefesselt, zuhause bleiben muss. An einem offenen Gulli lockt ihn die Stimme und das bunte Gesicht eines Clowns in den Tod. Dem Jungen wird der Arm abgerissen, er stirbt wenig später. Es ist der Auftakt einer Welle von Morden, der immer mehr Kinder zum Opfer fallen, bis eine Gruppe von Jugendlichen, die im Sommer des Jahres 1958 feste Freundschaft schließen, dem Grauen, diesem "Es", gegenüber tritt. Bill, Eddie, Richie, Stan, Mike, Ben und Beverly. Der "Club der Verlierer". Gemeinsam setzen sie dem Grauen ein Ende, besiegeln sie mit einem Schwur ihre Absicht, "Es" im Falle seiner Wiederkehr erneut zu bekämpfen. 27 Jahre später beginnt eine neue gräßliche Mordserie in ihrer Heimatstadt. Die in alle Winde zerstreuten mittlerweile erwachsenen Freunde kehren zurück an den Ort ihrer Kindheit, um sich zu erinnern und "Es" endgültig zu besiegen...
Zugegebenermaßen eine wenig beeindruckende und äußerst unzureichende Zusammenfassung, die leider die Magie des wirklichen Buches nicht wiederzugeben vermag. Dafür muss man "Es" lesen, wobei der epische Seitenumfang kein Hindernis darstellen sollte, denn selten zuvor hat eine Geschichte in solch einer Weise in den Bann gezogen, haben die Erlebnisse von fiktiven Figuren derart berührt und bewegt. Stephen King hat ein Werk zu Papier gebracht, das als schulmeisterliches Beispiel für angehende Schreiberlinge stets aufs Neue herausgekramt werden sollte. Hier findet man alles: Subtiler Horror, Freundschaft, die Geschichte einer Stadt und viel Gefühl. King ist, trotz seiner oder gerade wegen der Ausschweifungen, ein meisterhafter Schriftsteller, der Worte aufs Trefflichste in Bilder zu formen versteht. Würde bei anderen Autoren eine derartige Detailfreude für Langeweile sorgen, hier ist sie die Essenz dieses Werks, das keine Seite kürzer hätte werden dürfen, denn jede, wirklich jede, hat etwas zu sagen. Und trotz gelegentlicher Ausbrüche schrecklichster Gewalt und Passagen des Ekels, bezieht "Es" die Spannung in erster Linie durch seine psychologischen Elemente. King spricht die Urängste aller Menschen an und die ewige Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Bedrohlich intensiv fühlt sich der Leser gezwungen in seine eigene Kindheit zurückzublicken, die Gabe der Phantasie wieder zu entdecken.
Es sind diese schönen, nostalgischen Beschreibungen der Kinder und ihrer Freundschaft, welche den roten Faden von "Es" darstellen und die uns an die Seiten des Buches fesseln. Kings sprachliche Vielfalt, die er hier vollends auszuschöpfen scheint, begeistert ebenso wie die Sorgfalt, mit der er die komplexe Handlung aufbaut und die einzelnen Handlungsstränge letztendlich zu einem faszinierenden Ganzen zusammenführt. An Eindringlichkeit und Dichte ist das, was King hier erdacht hat, eigentlich kaum mehr zu überbieten. So war ich für 1214 Seiten gemeinsam mit meinen sieben Freunden in den sumpfigen Barrens, habe Steinschlachten geschlagen, mich durchs Unterholz gekämpft und über Richies Witze gelacht. Und am Ende, das mir trotzdem immer noch zu schnell kam, nahm ich nur äußerst ungern und mit einem Kloß im Hals von ihnen Abschied.
Insgesamt ist "Es" ein Meisterwerk der Literatur, das mit liebenswerten Figuren und auch viel Humor die schwierige Gratwanderung zwischen Literatur und Schund meistert, um aus ihr ein unvergessliches Lesererlebnis zu schmieden. Stephen King hat hiermit sein dichterisches Können äußerst eindrucksvoll unter Beweis gestellt und sich ganz weit nach oben in meine Bestenliste geschrieben.