Diese Rezension kommt von baby-and-the-zombies:
Es gibt ja diese Massenphänomene. Von denen man sich eigentlich denkt: „Das ist nichts für mich“, „Das klingt dumm“, „Für so etwas habe ich keine Zeit“, aber, sobald es in aller Munde ist, doch wissen möchte „was denn dran ist“. „Harry Potter“ war so eins. „Feuchtgebiete“ mittlerweile auch.
Und ebenso „Twilight“.
Wenn man am Bahnhof oder Flughafen steht und seine Bücher ausgelesen hat, dann greift man im Geschäft in der Vorhalle auch gerne mal zu so einem „Bestseller“. Wenn schon nichts zu tun, dann kann man seine Zeit auch damit verschwenden. So ging’s mir zumindest bei „Twilight“. Und da fast alle meine Bekannten die Reihe in ihren Profilen als „Lieblingsbücher“ gekennzeichnet hatten konnte es doch nicht so schlimm sein, oder?
Recht hatte ich.
Es war schlimmer.
Nach den ersten 20 Seiten habe ich das Buch erstmal zur Seite gelegt – ich bin langweilige Einstiege gewöhnt, aber der war die Hölle. Sollte das noch weitere 400 Seiten lang so gehen, dann müsste ich mich erhängen.
Trotzdem hat die Neugier über den Verstand („Nutze deine Zeit sinnvoll!“) gesiegt.
Und so begann ich, von der wundervollen, herzerwärmenden und überhaupt nicht kitschigen (Achtung, Sarkasmus) Romanze um Bella und Edward zu lesen.
Ich lernte also dieses junge Durchschnittsmädchen kennen, erfuhr wie sie – dank der Hochzeit & des Umzugs ihrer Mutter – im verregneten Kleinstädtchen Forks landet und auf der neuen Schule gleich dank des „Jeder kennt jeden in einer Kleinstadt & deshalb mögen wir neue Leute so“-Faktors von praktisch jedem Jungen der Schule umschwärmt wird, abgesehen von einem: dem überirdisch schönen Edward Cullen.
Edward, der einer Familie mysteriöser schöner Personen angehört – bestehend aus dem Arzt Carlisle und seiner Frau, die, obwohl erst Mitte zwanzig, Edward und vier andere 17-jährige adoptiert haben – zeigt sich ihr gegenüber von vornherein aggressiv, ja, will sogar den Kurs wechseln um nicht neben ihr sitzen zu müssen. Als dies nicht möglich ist verschwindet er erst einmal für mehrere Tage. Nach all der positiven Aufmerksamkeit ruft diese klare Ablehnung Interesse bei Bella hervor und sie beginnt über Edward nachzudenken.
Da Bella das Unglück allerdings magisch anzuziehen scheint erfährt sie bald auf eine ziemlich ungewöhnliche Weise, dass sie Edward nicht allzu unsympathisch ist: Als ein Van auf sie zurast und zu überfahren droht sprintet Edward vor und stoppt diesen mit bloßen Händen. Natürlich verwirrt das Bella, nicht nur, weil ein normaler Mensch zu so etwas nicht fähig sein dürfte, sondern auch, weil ihr Bild von Edward ins Wanken geraten ist.
Nach einigen Gesprächen mit den örtlichen Indianern und einer Nacht vor Google sitzend ist Bella sich im klaren, dass Edward ein Vampir sein muss – zumindest sind jetzt die übernatürlichen Kräfte erklärt, bleibt nur noch das größere Problem der Sympathiefrage. Aber auch das lässt sich schnell lösen, denn wenn du einen Vampir auf seine Existenzform ansprichst, dann gibt der schon mal bereitwillig zu, dass er dich jede Nacht im Schlaf beobachtet und eigentlich auch ziemlich verliebt in dich ist. Na gut. Das Interesse hat damit begonnen, dass er dich essen wollte weil du ziemlich lecker riechst, aber HEY, er ist Vegetarier, er hat gelernt sich zurückzuhalten.
Hier könnte die Geschichte mit einem „Und sie lebten glücklich bis an Bellas Lebensende“ enden, aber da muss noch die Familie getroffen werden. Und natürlich gegen böse Vampire gekämpft. Aber das Schlimmste, Unausprechlichste, das hebt man sich bis zum Schluss auf: Den Jahresabschlussball.
Wie soll man diese Geschichte bewerten? Die Idee an sich ist keine schlechte, das muss ich zugeben, und auch in den nächsten Bänden wird es heiß hergehen. Wie gesagt, gute Grundidee.
Leider hapert es an der Umsetzung, was im Grunde eigentlich folgendes bedeutet:
1) Die Autorin scheint bisher noch keine Bücher geschrieben zu haben, ebenso wenig wie sie ihr Script während des Schreibprozesses gelesen, noch danach gekürzt zu haben scheint. Denn es treten immer wieder dieselben Beschreibungen von Edwards gutem Aussehen auf (hier gibt es sogar eine Statistik wie oft welche Aspekte genannt werden: http://otahyoni.livejournal.com/130432.html), die – rechnet man sie zusammen – insgesamt ca 100-150 Seiten des Buches ausmachen.
2) Weiterhin treten nicht nur wiederholte Beschreibungen, sondern auch Wortwiederholungen auf. Was einerseits ideal ist, um sich als Anfänger in der englischen Sprache zu verbessern – nach der Hälfte hat man ungefähr das Grundvokabular der ersten drei Bücher zusammen – ist andererseits für einen anspruchsvollen Leser ziemlich ermüdend. Man muss das Kind beim Namen nennen: Für verschiedene Situationen kann es nicht schaden, Wörter mit verschiedenen Konnotationen zu nutzen. Wirklich. Es fehlt dem Buch durch dieses stümperhafte Schreiben einfach eine gewisse Ästhetik, außerdem trägt das nicht zum Ernstnehmen der Geschichte bei.
Wobei wir bei
3) wären: Man kann diese Geschichte einfach nicht ernst nehmen. Stephenie Meyer übertreibt einfach zu oft, hält ihre Charaktere dumm und zeichnet sie vor allem zu oberflächlich. (Beispiel: ich würde Edward nicht abnehmen, dass er eigentlich über neunzig Jahre alt ist, er benimmt sich einfach zu oft wie ein unreifer, eingeschnappter Junge. Übrigens, seit wann ist es romantisch, wenn jemand bei dir durchs Fenster einsteigt um dich im Schlaf zu beobachten – um noch mal auf meine Zusammenfassung der Handlung zurückzukommen? Also entweder hat Frau Meyer eine sehr seltsame Auffassung davon oder…)
Neben all diesen Schnitzern scheint Frau Meyer die Reihe generell ziemlich „runter geschrieben“ zu haben, da kein tatsächliches Hintergrundwissen über den Vampirmythos besteht, sie einfach die interessanten und bekannten Momente beibehalten hat (Unsterblichkeit, überirdische Schönheit etc) um ein Idealbild zu erschaffen, praktisch eine Sehnsucht im Leser zu wecken – und das Buch besser zu verkaufen. So kann Bella natürlich wünschen, selbst verwandelt zu werden – es gibt nur positive Aspekte. Und so soll es der Leser auch haben, so soll er sich mit ihr identifizieren. Frau Meyers Vampire können sogar – so wie in den alten Legenden – bei Tag herumlaufen, wobei man allerdings auch hier kein Vorwissen von ihr erkennen kann – bei ihr ist die „Warum gehen Vampire nicht in die Sonne?“-Frage einfach beantwortet: „Weil sie im Sonnenlicht glitzern.“
Und ich muss sagen: Das ist doch mal männlich, authentisch. Da wäre ich doch auch gern mit einem neunzig Jahre alten, aber siebzehnjährig aussehendem Vampir zusammen. Mädchen mögen glitzernde Dinge. Genau wie Elstern.
Fazit: Dieses Buch ist weder etwas für jemanden, der einen ernsthaften Liebes- oder Vampirroman lesen möchte. Da empfehle ich – zumindest für letzteres – eher „So finster die Nacht“ von Lindquvist. Wer aber gerne über beide Genres lachen möchte, eine Persilflage lesen möchte, der führe sich dieses Machwerk zu Gemüte. Vielleicht wird hiermit ja der Trashbuchkult geboren, so wie es eine ganze Trashfilmszene gibt. Wer weiß. Das einzige Problem sind ziemlich langgedehnte, langweilige Stellen – aber zur Not kann man die seitenlangen Beschreibungen von Edwards butterscotchfarbenen Augen überspringen – die kommen sowieso wieder und wieder und wieder vor.
Und der Satz „Are you trying to irritate me to death – since Tyler’s Van didn’t do the job?” ist mittlerweile ein sehr toller Insider, der noch auf ein T-Shirt kommt ;)