Steven Carrolls Roman "Die Gabe der Geschwindigkeit", von Peter Torberg wirklich brillant übersetzt, ist ein wunderbar subtiles Pendant zum ersten Roman um Michael, Rita und Vic; "Die Kunst des Lokomotivführens".
Von der Gabe der Geschwindigkeit, einsamen Männern und der vielleicht schönsten Sportart schlechthin...
Wie schon in "Die Kunst des Lokomotivführens" erzählt Steven Carroll die Geschichte von Michael und seiner Familie. Er erzählt sie, indem er meist einen allwissenden Erzähler das jetzt Geschehende erzählen lässt, ein Erzähler, der offensichtlich auch über das Verhältnis dieser Situation zu einem Moment in der Zukunft informiert ist.
Dadurch ergibt sich ein zärtliches Bild, das man gebannt verfolgt, nicht weil Steven Carroll eine rasante Story oder einen spannenden Plot vorführt, sondern weil Steven Carrolls Prosa eine Traumwelt suggeriert, in die man nur allzu gern eintaucht.
Michael ist mittlerweile sechzehn Jahre alt und träumt nur davon, die Gabe der Geschwindigkeit zu besitzen, um Werfer in der lokalen Kricketmannschaft zu werden, die Ausscheidungen ausgeschrieben hat.
Michaels Vater träumt davon, in ein kleines Fischerdorf zu flüchten, während seine Mutter im Sterben liegt. Rita träumt von einer etwas anderen Welt als der, in der sie lebt. Träume, die sie sich beispielsweise durch Kleider ermöglicht, die sich von der in der Straße des Vorortes üblichen Mode deutlich abheben.
Michaels Großmutter erinnert sich an vergangene Tage und an den nie vorhandenen Vater von Vic.
Dieser Sommer ist auch der Sommer der legendären Testmatches der West Indies gegen Australien, eine Serie, die aus vielen Gründen, in erster Linie aber dank der sportlichen Meisterleistungen der Spieler und des damals erstmaligen Unentschieden in einem Testmatch in die Annalen der Kricketgeschichte eingegangen ist.
Dann ist da noch der Fabrikbesitzer Webster, der seine Träume nur in den Nächten auslebt, der italienisch-stämmige Friseur Nat, der seinen persönlichen Traum schon lebt und die Nebenrolle der ukrainisch-stämmigen Miss Universum, die zufälligerweise aus dem Vorort der Protagonisten stammt.
Der Kontrapunkt zum Streben nach dem perfekten Wurf, bzw. der Gabe der Geschwindigkeit ist Kathleen, ein Mädchen aus dem Waisenheim und eine zögernde erste jugendliche Verliebtheit, die Michael lehrt, dass es wichtigere Momente im Leben gibt, als die unendlichen Versuche, unter Schmerzen etwas zu erreichen, das einem vielleicht nicht gegeben ist, weil die notwendige Gabe nicht erlernbar ist...
"Die Gabe der Geschwindigkeit" ist ein feines, soghaftes, traumhaft schönes Buch.
Ein Roman, der eine ganz eigene Sprache spricht, der auf beeindruckende Weise das fortsetzt, was Steven Carroll in "Die Kunst des Lokomotivführens" gefunden hat, ohne je den Anschein einer "Fortsetzung" zu haben.
Peter Torbergs Leistung beim Übersetzen dieses Romans kann nicht genug gewürdigt werden, da die meisten Begriffe der Sportart Kricket (Cricket im Original, nicht mit Krocket zu verwechseln...) nur in der englischen Sprache vorhanden sind und daher nur sinngemäß übersetzt werden können, was eine gute Kenntnis der Sportart voraussetzt.
(Einzig die "Werferstiefel" in der Übersetzung sind in Wahrheit keine "Stiefel", sondern leichte Schuhe mit Eisennoppen, die dem Werfer Halt geben sollen, auch wenn sie im Englischen "Bowling Boots" genannt werden...)
Möglicherweise setzt dieser Roman Kenntnis und sogar Liebe zu Kricket beim Leser voraus; gut möglich.
Für mich war "Die Gabe der Geschwindigkeit" zusätzlich zur beeindruckenden Lektüre eine nostalgische Erinnerung an meine Jugend in Kapstadt als kricketbegeisterter Teenager...
Ich denke jedoch, dass dieses Buch auch ohne besondere Kenntnis dieser Sportart ein besonderer Lesegenuss ist, da die Schönheit und Poesie von Steven Carrolls Prosa einfach fesselnd und überzeugend genug ist.
Absolute Leseempfehlung; nach "Der Kunst der Lokomotivführens" und vor "Die Zeit, die wir uns nahmen".