Schon wieder ein Amoklauf. Schon wieder ein mörderischer Anschlag. Schon wieder ein tätlicher Angriff im öffentlichen Nahverkehr. Schon wieder Tote und Verletzte. Jeden Tag lesen wir von neuen Gewalttaten. Es wird immer schlimmer, unsere Gesellschaft wird immer gewalttätiger.
Stimmt nicht, sagt Pinker, im Gegenteil. Er vertritt die These, dass die Gewalt sogar abgenommen habe. Und diese These belegt er in diesem zu Recht als Standardwerk bezeichneten Buch sehr gründlich und ausführlich.
Pinker betrachtet die langfristige Entwicklung der Gewalt und stellt erst einmal sehr plastisch die alltäglichen Gewalterfahrungen in früheren Gesellschaften dar. Das Mittelalter beispielsweise, das uns so sehr fasziniert, dass sich historische Romane hervorragend verkaufen, war kein gemütlicher Ort. Da wurde gefoltert, als öffentliche Belustigung zu Tode gequält, Kinder wurden misshandelt und getötet, Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung, die kleinsten Vergehen zogen drastische Strafen bis hin zum Tod nach sich. Auch die Ritter des Mittelalters waren nicht gerade die edlen Männer, als die sie gemeinhin dargestellt werden. Sie schützten ihre Minnedamen nur davor, von anderen Rittern geraubt zu werden, nicht vor der eigenen Brutalität.
Das gleiche trifft auf alle anderen früheren Gesellschaften zu, wie das alte Rom oder das antike Griechenland. Im alten Rom wurden Folterungen zum öffentlichen Schauspiel. Im berühmten Kolosseum kamen fast 500 000 Menschen auf grausamste Arten um, unter den Augen eines begeisterten Publikums.
Auch die Bibel bildet da keine Ausnahme. Sie forderte in erster Linie Gehorsam gegenüber der Autorität Gottes, ein Menschenleben hatte demgegenüber keinen Wert. Eine der schlimmsten Foltermethoden, die Kreuzigung, wurde zum Sinnbild der christlichen Religion, deren Führungskräfte die systematische Folter in Europa salonfähig machten. Die Bibel ist so voller brutaler und ausführlicher Gewaltbeschreibungen, dass sie nach heutigen Kinderschutzmaßstäben erst ab einem Alter von 18 Jahren gelesen werden dürfte.
Das Gleiche gilt für Grimms Märchen, in denen es vor Gewalttaten nur so wimmelt. Mord, Kindesaussetzung, Kindesmord, Kannibalismus, Vergiftung, Verstümmelung, Verbrennung und sexueller Missbrauch sorgen für nicht so süße Träume nach Vorlesen der Gutenachtgeschichte.
Selbst noch im 20. Jahrhundert war Gewalt in der Ehe keine Straftat, und das Verprügeln von Kindern war eine anerkannte Erziehungsmethode.
Massive Gewalt war zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt ein ganz normaler Bestandteil des Alltags.
Aber wodurch hat sich das geändert? Wie kommt es, dass wir heutzutage nicht mehr davon bedroht sind, gepfählt oder aufs Rad geflochten zu werden? Wie kommt es, dass Folter und die Todesstrafe in weiten Teilen der westlichen Welt verpönt sind? Warum werden heute Menschen für geringe Vergehen nicht mehr an den Pranger gestellt, wo sie ohne Nahrung aushalten müssen und mit Exkrementen beworfen werden? Warum werden kluge Frauen nicht mehr als Hexen verbrannt?
Pinker erklärt das unter anderem mit dem Aufkommen und Erkämpfen von Rechten und mit der Entwicklung des Mitleids.
Der Autor teilt den Prozess des Gewaltabbaus in mehrere Phasen ein: Dem Befriedungsprozess, dem Prozess der Zivilisation, der Humanitären Revolution, dem Langen Frieden, dem Neuen Frieden und der Revolution der Rechte.
Im Befriedungsprozess fand der Übergang von der Steinzeitgesellschaft der Jäger und Sammler hin zu den sesshaften Gesellschaften statt. Pinker macht es sichtbar Spaß, mit romantischen Vorstellungen aufzuräumen, denn die ursprünglichen Gemeinschaften waren nicht natürlich, edel und gut, sondern wesentlich gewalttätiger als ihre Ackerbau und Viehzucht betreibenden Nachfahren. Besonders hart wurde um Frauen gekämpft, natürlich ohne deren Mitspracherecht. Der Prozess der Befriedung senkte das Risiko eines Mannes, Opfer einer Gewalttat zu werden, um ein Fünftel.
Der Zivilisationsprozess hatte das Merkmal, dass die Gewaltausübung institutionalisiert und auf den Staat übertragen wurde. Der Gewaltrückgang fand überwiegend in den oberen Schichten statt, denn vor allem dort wurde sie ausgeübt. Unterstützt wurde dieser Prozess durch den Handel, der es notwendig machte, über den eigenen Tellerrand zu sehen, sowie durch einen Wandel in der Psyche hin zu mehr Selbstkontrolle und besserem Benehmen. Bei Fischern, Bauern und Viehzüchtern entwickelten sich informelle Normen. Ein wichtiger Motor des Zivilisationsprozesses war die Heirat, denn Frauen haben offensichtlich eine friedensstiftende Wirkung auf Männer.
Zentral war die Humanitäre Revolution. Die Aufklärung sorgte für ein Umdenken. Tötungen aus Aberglauben, wegen Gotteslästerung und wegen Ketzerei wurden abgeschafft, Grausamkeit und Folter, auch gegenüber Kindern und Tieren, wurden geächtet, die Rechte der Menschen wurden wichtig. In dieser Phase wurde auch die Sklaverei abgeschafft. Die Wertschätzung wendete sich nicht mehr Seelen, sondern Leben zu. Das erforderte die Fähigkeit, für die anderen Menschen Mitleid zu empfinden. Ermöglicht und verstärkt wurde dieser Prozess durch das Aufkommen der Wissenschaft, durch die Verbesserung der Hygiene, die Menschen weniger abstoßend machte, und vor allem durch die Verbreitung des Lesens. Die Alphabetisierungsrate stieg, und als immer mehr preiswerte Bücher zur Verfügung standen, stieg auch die Motivation zum Lesen. Dazu kam die „Leserevolution“, nämlich die Veränderung des Leseverhaltens. Statt religiöser Texte wurden säkulare gelesen, und die Bandbreite der Textarten nahm zu. Der Horizont der Lesenden erweiterte sich über die unmittelbare Umgebung des eigenen Dorfes hinaus und führte, besonders durch die Lektüre von Romanen, zu einer größeren Fähigkeit, sich in die Denkweisen anderer Menschen einzufühlen und den eigenen Standpunkt, die eigenen Gewohnheiten und Sitten zu relativieren. Kein Wunder, dass der Klerus Romane auf den Index der verbotenen Bücher setzte!
Die Periode des Langen Friedens bezieht sich auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Nie in der Geschichte gab es weniger Kriege als in dieser Phase. Pinker hat in diesem Kapitel eine herrlich plastische Art zu zeigen, wie Wahrscheinlichkeiten berechnet werden und welche Fallstricke in solchen Berechnungen lauern. Dieser Teil ist sehr statistiklastig, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der 2. Weltkrieg historisch gesehen wirklich nur ein statistischer Ausrutscher war. In diesem Teil zeigt sich nämlich auch, wie schwierig es ist, Kriegsopfer gegeneinander aufzurechnen. War der Völkermord in Ruanda wirklich so viel weniger schlimm als andere Genozide?
Zurzeit sind wir in der Phase des Neuen Friedens, in dem auch der Kalte Krieg überwunden wurde. Ob es so friedlich bleibt, kann niemand voraussagen, dazu ist diese Phase einfach noch zu kurz. Aber immerhin haben wir es bisher geschafft, dass keine der so zahlreich vorhandenen Atomwaffen auch wirklich eingesetzt wird. Bleibt zu hoffen, dass auch die Regierungen des Irans und Nordkoreas diese Vernunft zeigen. Pinker rückt in diesem Abschnitt auch das Ausmaß der Terrorgefahr in die richtige Dimension und zeigt, dass die Gegenmaßnahmen der Regierungen, aber auch die Angst der Bevölkerung, völlig überzogen sind. Durch den Verzicht auf das Fliegen und den Umstieg aufs Auto sind mehr Menschen gestorben, als bei den Anschlägen am 11. September. Die übersteigerte Angst ist den Regierungen gerade recht, können sie doch so ungestraft die persönlichen Freiheiten gesetzlich beschneiden. Sehr plausibel finde ich die Ausführungen Pinkers, warum die Humanitäre Revolution noch nicht in den islamischen Ländern angekommen ist, nämlich wegen der Ablehnung der Buchdruckpresse im Mittelalter und dem Widerstand gegen den Import von Büchern und gegen das freie Denken. Der arabische Frühling wird das hoffentlich ändern.
Ein weiterer zentraler Prozess für den Rückgang der Gewalt sind die Revolutionen der Rechte. Ehemals unterdrückten Minderheiten werden Rechte zugestanden, die ihnen lange verweigert wurden. Die Erklärung der Menschenrechte, die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die gewaltlose Erziehung von Kindern, der Tierschutz, all das hat zu einer vorher undenkbaren toleranten Gesellschaft geführt. In früheren Zeiten wäre beispielsweise eine offen gelebte Homosexualität lebensgefährlich gewesen (in einigen Ländern ist sie das bis heute), heute sucht ein Bauer im Fernsehen einen Mann. Zurzeit übertreiben wir es fast schon mit dem Einsatz für vermeintlich Unterdrückte, wie einige Auswüchse der political correctness zeigen. Wahrscheinlich haben wir auch deshalb den Eindruck, dass die Gewalt zugenommen hat, weil einfach mehr darüber berichtet wird.
Um die Mechanismen von Gewalt zu verstehen, sieht Pinker sich die inneren Dämonen an. Die neuesten Erkenntnisse aus Hirnforschung, Verhaltensbiologie und Psychologie werden anhand der Beschreibung von Experimenten dargestellt. Wurzeln der Gewalt sind demnach Raub, Dominanzstreben, Rache, Sadismus und Ideologie. Der von Pinker beschriebene Flynn-Effekt ist meiner Meinung nach hervorragend geeignet, um die Mechanismen von Rassismus zu erklären. Diesen Teil fand ich am spannendsten zu lesen, zeigt er doch, wie dünn unsere zivilisatorische Schicht ist, wie unzuverlässig unsere Selbsteinschätzung ist, was in unseren Gehirnen abläuft, wenn wir wütend sind, und wie anfällig wir für Gruppenzwang, pluralistische Ignoranz und Gradualismus sind. Letzteren Mechanismus hat auch Götz Aly in seinem Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ beschrieben.
Die Existenz der heutigen Besseren Engel ist für Pinker in erster Linie eine Folge der Vernunft. Für ihn ist die Vernunft der zentrale Faktor, der für den Rückgang der Gewalt verantwortlich ist, und somit noch wichtiger als Empathie.
Zur Untermauerung seiner Thesen wendet Pinker statistische Verfahren an, wodurch seine gründlichen Ausführungen sehr anschaulich werden. Trotz des sehr umfangreichen Zahlenwerks, der vielen Tabellen und Graphen schafft Pinker es, gut lesbar zu bleiben.
Überhaupt hat mir der Schreibstil sehr gut gefallen, besonders im letzten Absatz des Buches, in dem Pinker seine Gefühle beschreibt. Immer wieder wird der Text durch lockere Bemerkungen und satirische Seitenhiebe aufgelockert, zum Beispiel, wenn es um US-Präsidenten oder um die Veränderungen der Kindheit geht: „Ein weiteres Sakrament ist die Kampagne, mit der man Kinder noch von dem leisesten Hauch einer Spur einer Ahnung einer Erinnerung an Gewalt abschirmen will.“ (S. 656). Dem kann ich nur zustimmen. Ende der sechziger Jahre konnte ich mich noch mit einem Klassenkameraden prügeln, ohne verklagt zu werden. Heute reicht schon ein kleiner Schubser in der Sporthalle für eine Anzeige wegen Körperverletzung. Die Sorge um das Wohl der Kinder ist völlig hysterisch geworden, nicht nur bei amerikanischen Eltern.
Überwältigend fand ich die Fülle der Fachgebiete, die Pinker heranzieht. Geschichte, Politikwissenschaft, Psychologie, Verhaltensbiologie, Statistik und Kulturwissenschaft vermengen sich zu einem großen Ganzen, einem Standardwerk eben. Besser kann Interdisziplinarität nicht gelingen.
Allerdings sieht Pinker für mein Empfinden die Gewalt zu stark quantitativ und zu wenig qualitativ. Die Opferzahlen früherer Kriege sind kaum zu berechnen, zu unterschiedlich sind weltweit die Definitionen, ab wann von einem Krieg gesprochen wird. Noch schwieriger zu berechnen sind die indirekten Todesfälle, die deshalb von Pinker nicht berücksichtigt werden. Ich kann auch Pinkers Argument, dass die geringere Zahl von Zivilopfern ein Indiz für eine sinkende Brutalität sei, nicht uneingeschränkt folgen. Der medizinische Fortschritt dürfte meiner Meinung nach eine viel größere Rolle bei der sinkenden Zahl der Zivilopfer spielen.
Außerdem hat Pinker einen halbblinden Fleck, wenn es um Afrika und Indien geht, besonders im Hinblick auf die Situation der Frauen. Genitale Verstümmelung und Mitgiftmorde werden in wenigen Sätzen abgehandelt, was mir angesichts des Umfangs dieses Buches entschieden zu wenig ist. Zugute halten muss man Pinker aber, dass er die besondere und zentrale Rolle der Frauen sowohl als Gewaltopfer als auch als Friedensstifterinnen erkennt.
Meiner Meinung nach sieht Pinker auch die Marktmechanismen zu positiv. Dass der internationale Finanzmarkt und die ungleichen Voraussetzungen der Staaten auf dem Weltmarkt Kriege zur Sicherung der Märkte, Ungerechtigkeiten, Armut, Umweltzerstörung und eine immer größere Spaltung zwischen Arm und Reich verursachen, blendet er weitgehend aus.
Auch die Thesen des Utilitaristen Peter Singer hat Pinker meiner Meinung nach zu unkritisch wiedergegeben. Die behindertenfeindlichen Auswirkungen dessen Thesen hat er nicht berücksichtigt.
Die These Pinkers, die Frauen seien heutzutage von der Last der Hausarbeit befreit, trifft leider ebenfalls nicht zu. Trotz Berufstätigkeit verbringen Frauen immer noch mehr Zeit mit Hausarbeit als Männer, und die Haushaltsgeräte haben zwar die Dauer einer einzelnen Arbeit verringert, dafür aber die Ansprüche erhöht, zum Beispiel, jeden Tag frisch gewaschene Bekleidung zu tragen, während sie früher ausgelüftet wurde.
Sehr sinnvoll hingegen finde ich Pinkers moralpsychologischen Lösungsansatz für den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Ich denke, so könnte es wirklich funktionieren. Vorausgesetzt, jemand lässt den politisch Verantwortlichen das Buch zukommen und zwingt sie zum Lesen.
Bei der Buchvorstellung in der Urania wurde deutlich, dass der Autor, dessen Buch einen höchst umfangreichen Anhang mit Nachweisen und Quellenangaben besitzt, sicherlich nicht geguttenbergt hat, so kompetent und intelligent hat er die Fragen beantwortet.
Trotz der kleinen Kritikpunkte, die angesichts des Umfangs nicht ins Gewicht fallen: Dieses Buch ist nicht nur ein Standardwerk, sondern auch glänzend und intelligent geschrieben, und somit unbedingt lesenswert.