Es ist eine Woche, genau eine Woche, die diese 699 Seiten füllt, eine Woche Familienurlaub, eine Woche Abschiednehmen von einem Sommerhaus, das es so für die Familie bald nicht mehr geben wird. Die Familie: Emily und ihre Schwägerin Arlene, Emilys Sohn Ken mit seiner Frau Lise und den Kindern Ella und Sam, und Kens Schwester Meg mit ihren Kindern Justin und Sarah. Neun Menschen von jung bis alt, die alle ihre eigenen Probleme haben.
Mit diesen Problemen wird man aufs Eindringlichste vertraut gemacht: Emily vermisst ihren Mann Henry, der vor einem Jahr starb, Arlene vermisst in ihm ihren Bruder und fühlt sich dabei hinter Emilys Kummer zurückgesetzt; Ken empfindet sich eigentlich als Fotograf, betrachtet sich darin aber mehr oder weniger als gescheitert, seit er in einem Fotogeschäft arbeitet; Lise mochte Emily noch nie, weil diese sie nicht zu mögen scheint, und versucht sich (meist erfolglos) ihre bissigen Bemerkungen zu verkneifen; Meg wurde vom Vater ihrer Kinder verlassen und bemüht sich obendrein, weiter trocken zu bleiben; Ella hat sich in ihre Cousine Sarah verschossen und ringt mit sich, ob sie der für diverse Jungs schwärmenden Schönheit ihre Gefühle anvertrauen soll; Sam gilt als offizielles Problemkind, weil er unter anderem gerne klaut; Justin wird von 1000 Ängsten gequält und darf bei weitem nicht so viel Game-Boy spielen, wie er will; und Sarah, die eigentlich mit Mark geht, versucht in Chautauqua diesen einen vielversprechenden Jungen wiederzufinden, der ihr vorgestern begegnet ist.
Der Autor wechselt die Perspektiven so akkurat wie maßgeschneiderte Kleider und lässt jede seiner Figuren ausführlich zu Wort kommen. Und jeder Figur nimmt man ihre Probleme und ihre Perspektive ab, aus der heraus sie sich mit den anderen Familienmitgliedern herumschlägt, und fühlt sich sofort auf ihrer Seite, sobald sie das Ruder im Erzählstrom übernimmt.
Bloß warum, habe ich mich nach etwa der Hälfte des Buches gefragt, legen alle dabei den gleichen Pessimismus an den Tag? Ken fühlt sich als Versager, Meg als Versagerin, von Ella, die sich neben Sarah wie das sprichwörtliche hässliche Entlein vorkommt, ganz zu schweigen. Justin geht vor seinen Ängsten in die Knie. Emily und Arlene sind offenbar zu alt, um noch so etwas wie Zuversicht zu empfinden, Sam langweilt sich, und wenn er sich mit irgendwas mal nicht langweilt, wird es ihm verboten; Sarah schließlich ist als Pubertierende quasi von Berufs wegen verzweifelt. Und Lise?
„‘Wie ist es?‘ rief er, und sie entdeckte ihn – er stand in seiner albernen superkurzen Shorts auf dem Bug. ‚Schön‘, sagte sie, obwohl es gelogen war.“
Es ist also gelogen. Alles Schöne ist irgendwie unwahr, Glück gibt es nicht. Nur an einer Stelle: Als Justin am Minigolfplatz den Preis fürs Einlochen mit einem einzigen Schlag bekommt: „Hinten eingequetscht, hielt Justin die Karte hoch und las im Scheinwerferlicht der hinter ihnen fahrenden Autos, was draufstand. Dabei sah er, wie der Ball von der hinteren Begrenzung abprallte, sich langsam drehte und in einem Bogen aufs Loch zurollte, und er bekam wieder eine Gänsehaut und war vollkommen glücklich. Das würde er nie vergessen.“
Auch die Leserin wird es womöglich nie vergessen, ist das doch der einzige Lichtblick im ganzen Roman, und sei er auch noch so banal. Das passt insofern ganz gut, als das Buch von Banalitäten nur so überströmt. Und eigentlich liebe ich das. Ich liebe es, aus den Banalitäten das Besondere herausgefiltert zu sehen, das Leben in seiner ganzen Plattheit, die gleichzeitig seine Schönheit bedeuten kann. Aber unter der niederdrückenden Stimmung, die jede Figur beherrscht, wird die Schönheit für mich nicht sichtbar: Nicht einmal – oder erst recht nicht – unter den peinlich genau geschilderten Blicken durch Kens Kamera, die er zu Lises Verdruss ständig mit sich herumschleppt. Denn was er sieht, ist Chaos: „Die Werkbank war ein einziges Durcheinander; einen Augenblick lang brachten ihn nicht nur die grellen Schatten, sondern auch das viele Gerümpel aus der Fassung – Werkzeuge, Benzinkanister und Verlängerungsschnüre, Sägen und Holzspäne, eine zusammengefaltete Luftmatratze, Kästen mit farblich sortierten Pfandflaschen. Er erkannte ein paar vertraute Sachen: eine vom Alter schwarz gewordene Rohrzange, die Backen silbrig, eine Chock full o’Nuts-Dose mit ausgetrockneten Pinseln und Rührstäben (…) Schläuche, Seile, Eimer, Bretter – es war einfach zu viel. Es war wie bei einem Umzug, er wusste nicht, wo er anfangen sollte.“
Dutzende solcher und ähnlicher Aufzählungen – natürlich nicht nur von Ken – gilt es im Roman zu bewältigen, ein Sammelsurium unbrauchbar gewordener Dinge, hoffnungsloser Reminiszenzen, für immer vergangener Eindrücke zieht an einem vorbei, und genau an der zitierten Stelle finde ich wieder, wie das auf mich wirkt: Es ist einfach zu viel. Der Sinn erschließt sich mir nicht.
In einer Flutwelle aus Vergangenheit dümpelt die Gegenwart wie eine verlorene Inselgruppe, wird ab und an überrollt und ist immer in Gefahr, komplett zu versinken. Diese Vergangenheit ist aber nicht nur eine gestaltlose Wassermasse, sondern, umso bedrängender, eine Anhäufung einzelner Tropfen, deren jeder der Betrachtung würdig ist, nein, betrachtet werden muss, aufs Genaueste studiert, gedreht und gewendet.
Wohlgemerkt: Wenn eine einzelne Figur so denkt und fühlt, finde ich das spannend. Dass alle es tun, finde ich unglaubwürdig, weil es für mich das ganze Buch, die so sorgfältig angelegte Aufteilung in die vielen Perspektiven infrage stellt.
Vielleicht ist da nur ganz natürlich, wenn sich in einem derart von Vergangenheit und ihren Details überwölbten Universum praktisch keine Entwicklungen ergeben, von minimalsten Zuckungen abgesehen. Vielleicht ist es ganz natürlich, wenn in einer Welt, die vom Vergangenen lebt, nichts auf die Zukunft deutet, nichts aus dem Status quo herausführt, wenn sich niemand wirklich ändert, keiner das Steuer herumreißt, keiner aufmuckt, endlich mal was anders macht. Wenn alle sich ducken unter dem Joch vergangener Tage, der Last gemeinsam festgeschriebener Traditionen und Rituale.
Stewart O’Nan hat ohne Zweifel mit großer Präzision und unglaublicher Beobachtungsgabe etwas Alltägliches abgebildet: die Struktur von vielen Familien, das Verharren in eingespielten Zuständen, die stumme Verzweiflung, die hilflose Wut, das Abgekapseltsein in die eigene Misere. Auf das, was für mich einen Roman ausmacht – Entwicklungen von einem oder mehreren Protagonisten, die ihre Grenzen überschreiten, daran scheitern oder weiterkommen, aber vor allem den Versuch unternehmen –, kam es ihm vielleicht gar nicht an.
Nur zu gerne hätte ich diesen Roman, empfohlen von zwei lieben FreundInnen hier, gefeiert. Aber irgendwie scheinen wir nicht kompatibel zu sein, der Autor und ich.