Leser-Rezension zu „Alle, alle lieben dich” von Stewart O'Nan
am 17.05.2009
Dieses Buch im Klappentext als Thriller auszuloben war wirklich eine Schnapsidee, denn das ist es wirklich nicht. Es ist die Geschichte einer Familie, die das Verschwinden der ältesten Tochter wie der Blitz aus heiterem Himmel trifft, die über lange Zeit hin und her schwankt zwischen Hoffnung, das Kind lebend wieder zu sehen und dem Bangen, mit der schlimmsten aller Nachrichten konfrontiert zu werden. Jeder der Protagonisten geht anders mit der Situation um: Die Mutter stürzt sich in Arbeit, organisiert Wohltätigkeitsveranstaltungen, Suchaktionen und Kampagnen und behält dieses Verhalten über Jahre bei, während der Vater sich zunächst ebenfalls engagiert, im Laufe der Zeit aber lieber akzeptieren würde, dass sein Kind nicht mehr wiederkommt. Dadurch gerät er in einen Zwiespalt, fühlt sich fast schon schuldig, weil das in seinen Augen einer Aufgabe gleich kommt. Dazwischen die jüngste Tochter, die sich nun einer stärkeren Überwachung ihrer Eltern ausgesetzt sieht, die Angst haben, auch das zweite Kind könnte irgendwann verschwinden. Es ist für alle Protagonisten nicht leicht, loszulassen, die Situation zu akzeptieren und zu Normalität zurückzukehren.
Stewart O'Nan zeichnet ein sehr intensives Bild und fesselt den Leser an seine Protagonisten, lässt während des ganzen Buches sowohl über ihnen als auch dem Leser die Ungewissheit schweben. Der Leser weiß nie mehr als die Protagonisten, hat den selben Kenntnisstand und die selben Hoffnungen. Dieses Buch kommt völlig ohne Tempo aus und wird doch nie langweilig. Vielleicht ist es gerade die Trägheit, die diesen Sog entwickelt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Distanz zu den Protagonisten habe ich beim Lesen nicht empfunden. Mich haben ihre Ängste, ihre Sorgen und Hoffnungen beim Lesen sehr berührt

