Leser-Rezension zu „Alle, alle lieben dich” von Stewart O'Nan
am 3.06.2009
„Alle, alle lieben dich“ ist die Geschichte eines Verlusts. Als die achtzehnjährige Kim an einem Sommertag auf dem Weg vom Baden zum Ferienjob spurlos verschwindet, bricht für Eltern, Schwester und Freunde eine Welt zusammen. Alle Menschen, die mit ihr in Verbindung standen, sind in einem Ausnahmezustand und versuchen eine Erklärung für diesen Umstand zu finden. So wird der Leser durch die wechselnden Erzählperspektiven Zeuge des tragischen Ereignisses und kann an jeder einzelnen Person die schleichenden Veränderungen im alltäglichen Leben wahrnehmen. Denn auch die Beziehungen der Figuren untereinander verändern sich zusehends. Kims Vater, der zuerst in blinden Aktionismus verfällt, wird nun von einer scheinbar unüberwindbaren Apathie erfasst. Die Mutter wiederum setzt alle Hebel in Bewegung, um Kim wieder zu finden. Sie bringt den Vorfall in die Presse, gibt Interviews und tritt im Fernsehen auf. Der Leser lernt auch Kims Schwester kennen, die versucht, sich aus dem Schatten der Schwester zu lösen, wie auch Kims Freunde, die sie zuletzt gesehen haben.
Stewart O´Nan schreibt mit fast schon akribischer Genauigkeit über die Auswirkungen des Verschwindens auf die Familie und deren engstes Umfeld. In einer ruhigen, fließenden Sprache bringt uns der Autor die feinen Veränderungen der Stimmungslagen seiner Protagonisten nahe. Hier gibt es keine Schockeffekte und spektakulären Ereignisse. Der Wandel in Alltag und Wahrnehmung der Familie ist schleichend, es sind einfühlsame Psychogramme aller Beteiligten.
„Alle, alle lieben dich“ ist eine ergreifende und realitätsnahe Geschichte, die suggestiv und psychologisch dicht erzählt ist. Mit leichter Distanz, aber dennoch großer Empathie erzählt der amerikanische Autor tiefgründig von den Folgen der einschneidenden Ereignisse. Der Roman ist niemals sentimental, nie aufdringlich und „laut“ und daher so bewegend, weil er in erster Linie ein Plädoyer für die Liebe und Hoffnung ist, die in uns allen steckt. Somit ist es eine aufbauende und luzide Geschichte, die lange nachhallt, weil man wieder mal, wie so oft bei diesem Autor, an seine eigene Lebensgeschichte oder geliebte Mitmenschen denken muss.

