Der Soziologe Venkatesh beschreibt hier die Feldstudie, die er zwischen 1989 und 1995 in den Robert Taylor Homes, einem ausschließlich von Schwarzen bewohnten Sozialbaugebiet (amerik. umgangssprachl.: project), in Chicago betrieben hat. Die Studie war nur möglich, weil es ihm gelang, das Vertrauen des Bandenchefs der Black Kings, J.T., zu erlangen, der seinerseits Geschichte und Politik studiert hatte, seinen Job jedoch aufgab, weil es ihn ärgerte, daß geringer qualifizierte Weiße schneller befördert wurden als er. In den Robert Taylor Homes lebten 30.000 Menschen in Hochhäusern. 90 % der Bewohner waren Sozialhilfeempfänger, 40 % Drogenkonsumenten. In der Regel erschloß man sich illegale Verdienstmöglichkeiten (Drogenhandel, Prostitution, Hehlerei, Schwarzarbeit, Wahrsagerei, illegale Verkaufsläden). J.T.´s Bande hatte ca. 200 Mitglieder. Man erfährt, was es heißt, eine Bande zu managen. J.T. muß die Mitglieder führen, anlernen und disziplinieren, die Geschäfte genau überwachen, dafür sorgen, daß die Kunden nicht verschreckt werden, das heißt, für Ruhe und Ordnung in seinem Territorium sorgen, damit auch die Polizei keinen Anlaß hat aufzutauchen. Aber die Polizei hält sich normalerweise sowieso von den Projects fern und reagiert nicht auf Notrufe der Bewohner. Gleiches gilt für Krankenwagen. Gelegentlich kommt es zu Streit mit anderen Banden, wobei es meistens um Territoriumsgrenzen geht. Ein beliebtes Mittel um einen Bandenkrieg auszufechten ist das drive-by-shooting: man überrascht den Gegner und fährt, aus allen Rohren feuernd, mit dem Auto vorbei.Nach 4 Jahren bekommt der Autor überraschend die Hefte mit den detaillierten Aufzeichnungen der Finanzen der Black Kings von T-Bone, dem Buchhalter der Bande, anvertraut. Die Einnahmen kommen aus dem Drogenverkauf, Erpressung von Schutzgeldern, Gebühren der Prostituierten und Sonstigem. Unter den Ausgaben finden sich der Einkauf von Drogen und Waffen, Bestechungsgelder für Polizisten und Behörden, Beerdigungskosten, Gehälter der Bandenmitglieder.Für $ 10.000 kaufte man für 1 Jahr, die Gunst eines Stadtrates.Das Portionspäckchen Crack-Kokain kostete $ 10.Das Jahresgehalt der Banden-Offiziere betrug $ 30.000.Die einfachen Bandenmitglieder erhielten weniger als den gesetzlichen Mindestlohn, hatten aber die Perspektive in der Hierarchie aufzusteigen und den Status als Mitglied der mächtigen Bande.Schockierend sind auch die kriminellen Machenschaften der Chicagoer Polizisten. Am Schwarzen Brett der Polizeistation konnten sich die Beamten in Listen eintragen, um bestimmte Parties zu überfallen, auf denen Banden verkehrten. Die Partygäste wurden mit Waffen in Schach gehalten, notfalls zusammengeschlagen und dann ausgeraubt. Auch war es bei der Polizei Usus, Autos anzuhalten, in denen mutmaßliche Bandenmitglieder fuhren und von allen Mitfahrern Geld und Schmuck einzusammeln oder gleich das ganze Auto zu nehmen. Es gab auch Polizisten, die von "professionellen" Autodieben Schutzgeld erpressten.Das Buch bietet einen seltenen und tiefen Einblick in erschreckende soziale Verhältnisse. Ich fand es sehr interessant, es ist spannend erzählt und ließt sich fast wie ein Roman.