Der Tag, an dem Vater das Baby fallen liess
von
Susanne Fröhlich
ISBN 9783821808260, Fester Einband, 226 Seiten, aus der Reihe Nachdr., Gegenwartsliteratur, Erscheinungsdatum:
bei Eichborn
Der Tag, an dem Vater das Baby fallen liess von Susanne Fröhlich - Inhaltsangabe
Er würde für alle immer der Mann sein, der damals das Baby hatte fallen lassen. Einfach so, aus Versehen. Es war ihm aus den Händen gerutscht und zu Boden gefallen. Aus dem ersten Stock auf den frischgemähten Rasen unseres Einfamilienhauses. Auf dem wir anderen gerade spielten. Krocket. Dieses Spiel mit den Törchen und den Holzschlägern, das noch am gleichen Abend im Müll landete. »Obwohl das Spiel doch nichts dafür kann«, wie Silke, meine Schwester, immer wieder betonte. Umsonst, denn seit diesem Tag, dem Tag, an dem mein Vater meinen Bruder fallen ließ, war nichts mehr in unserer Familie wie zuvor. Er war sofort tot. Haben die Ärzte gesagt. Vielleicht um uns zu trösten. Direkt nach dem Aufprall. Genick gebrochen. »So jung und schon tot«, hat unsere Frau Hersler gesagt und damit auf den Punkt gebracht, was wir alle empfanden. Als meine Mutter nach drei Tagen und Nächten urplötzlich mit dem Weinen aufhörte, beschloß sie, das Baby genau an der Stelle im Garten zu begraben, wo es aufgeschlagen war. Als sie sich mit ihrem Wunsch auf den Ämtern und Behörden nicht durchsetzen konnte, hätte sie fast wieder das Weinen begonnen. Aber dann hat sie klein beigegeben, ohne zu weinen, und sich ihre persönliche Grabstätte im Garten geschaffen. Ohne irgend jemanden aus der Restfamilie zu fragen. Nicht mal meinen Vater. Ein eingezäuntes Rechteck, hellblau gefliest, in der Größe eines sechs Monate alten Babys, ziert seitdem unseren Rasen. Was nicht nur beim Mähen äußerst unpraktisch war. Man mußte jedesmal drumherum kurven. Und die Kanten, zur Einzäunung hin, mit der Hand schneiden. Die Mehrarbeit wäre ja noch erträglich gewesen. Obwohl, gerecht war das auch nicht. Schließlich mußten nur Silke und ich den Rasen mähen. Aber dieses Sakrale, das von der Stelle ausging. Man konnte gar nicht mehr einfach so im Garten spielen. Ohne daran erinnert zu werden. Auch bei nachmittäglichen Kaffeerunden war eine gewisse Anspannung spürbar. Besonders bei Besuchern. Die oft vom Unglück nichts wußten und neugierig nach dem Rechteck fragten. Sogar kleine Scherze machten. Nach dem Motto »Ist das ein Liliputanerpool oder was?« So mancher Käsekuchen, das Renommierstück meiner Mutter, ist da in so manchem Hals steckengeblieben, wenn meine Mutter kühl und sachlich vom Ersatzgrab ihres Sohnes berichtete. Bis Frau Hersler das Elend nicht mehr mit anschauen konnte und das Rechteck entweihte, indem sie es als Meersau-Freigehege benutzte. Für unsere Haustiere. »Suzy«, mein Meerschwein, benannt nach Suzy Quatro, meinem damaligen Idol, und »Steven«, das von Silke. »Steven« hatte Silke nach ihrem persönlichen Gott Cat Stevens getauft. Obwohl ihr Meerschwein, genau wie meins, weiblich war. »Und wenn schon«, hat sie immer gesagt, »ist dem Schwein doch egal, daß es einen Männernamen hat. Und ansehen tut das dem Meerschweinchen auch niemand. Daß es eigentlich eine Frau ist. Also kann es doch ruhig Steven heißen.« Meine Mutter wäre beinahe durchgedreht. Nicht wegen des Namens, sondern wegen der Entweihung des Ersatzgrabes. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte der Hersler ein paar gescheuert. Aber dazu war sie fast zu erstaunt gewesen. Und hauen war eh nicht Mutters Ding. Vielleicht hatte sie auch Angst, die Hersler könnte zurückschlagen. Die hatte so was im Blick, daß man besser nicht widersprach. Wenn die Hersler mal was wirklich wollte, was selten vorkam, dann setzte die das auch durch. Da konnte sie richtiggehend energisch werden. Ein erstes Anzeichen war jedesmal ihre Frisur. Wenn die brünette, exakt gefönte Außenwelle in Kinnhöhe nervös zu wippen begann, dann war es soweit, und der Hersler ging etwas gewaltig gegen den Strich.
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