Leser-Rezension zu „Die Lebküchnerin” von Sybille Schrödter

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Ankrida Ankrida
Verfasst von Ankrida
am 23.12.2009
 

Regensburg, 14. Jahrhundert: Die zwölfjährige Benedicta von Altmühl wird nach dem Tod ihres Vaters, einem wohlhabenden Tuchhändler, von ihrer Stiefmutter in das Kloster Engelthal gebracht. Dort hat sie fortan dem Herrn zu dienen, ein anspruchsloses Leben zu führen, das sie nie über die Klostermauern hinwegblicken lässt, und unter den Bösartigkeiten der Schwester Walburga zu leiden.

Kloster Engelthal, einige Jahre später: Benedicta ist nun eine junge Frau, hat aber nahezu gar nichts von einer gehorsamen Klosterschwester an sich. Sie macht nicht selten den Mund dann auf, wenn sie es besser lassen sollte, hat in der Köchin Agnes eine gute Freundin gefunden und backt für ihr Leben gern. Ein von ihr selbst erdachtes Rezept für süßes Brot liegt ihr besonders am Herzen, aber ausüben kann sie ihr Hobby nicht. Denn wer hätte schon je von einer von einer Nonne mit Leidenschaft fürs Backen gehört?
Eines Tages erscheint der Neffe der Priorin im Kloster. Schnell wird klar, dass Benedicta sich für den jungen Mann interessiert, und auch der Fechtmeister Julian von Ehrenreit selbst scheint etwas für sie übrig zu haben. Er bleibt nicht lange, trotzdem muss Benedicta immerzu an ihn denken.
Die Fastenzeit steht an, doch der Vorrat an Lebkuchen ist aufgebraucht, und die Mönche aus Nürnberg, die sonst für das Backen zuständig sind, liegen alle mit einem Fieber danieder. Als Priorin Leonore sich nun bei Benedicta darüber beklagt, dass sie nicht weiß, wo sie Lebkuchen herbekommen soll, ist die junge Nonne sofort Feuer und Flamme und bittet, sich selber darum kümmern zu dürfen. Zu ihrer großen Enttäuschung jedoch lehnt die Priorin diese Bitte ab.
So leicht lässt sich Benedicta aber nicht verschrecken, und als sie erfährt, dass schließlich Schwester Dietlinde für das Backen des süßen Brots zuständig ist, geht sie mit dieser einen kleinen Tausch ein. Nicht ahnend natürlich, welche Folgen das mit sich haben wird…
Sie schafft es, gemeinsam mit ihrer Freundin Agnes, der Klosterköchin, in aller Heimlichkeit die Lebkuchen herzustellen. Niemand darf erfahren, dass nicht Dietlinde, sondern sie, Benedicta, sie gebacken hat. Dann aber kommt doch noch alles raus, und als wäre das nicht genug, wird sie auch noch von der ihr ohnehin schon feindlich gesinnten Walburga bei einem Kuss mit Julian beobachtet – und daraufhin natürlich sofort bei der Priorin verpetzt. Die Untat der jungen Nonne kommt allerdings nicht nur dieser, sondern auch dem mächtigen Provinzial zu Ohren. Der entwickelt einen grausamen Plan, um die ungehorsame Klosterschwester und Fechtmeister Julian aus dem Weg zu räumen und damit den guten Ruf von Engelthal zu sichern. Benedicta bleibt nur noch die Flucht, um am Leben bleiben zu können. Begleitet von Julian und Agnes verschwindet sie mitten in der Nacht aus dem Kloster, wird dabei aber von ihrem Geliebten getrennt. Und so macht sich Benedicta allein mit ihrer Freundin auf den Weg nach Nürnberg, wo Agnes’ Verlobter bereits auf sie wartet. Eine harte Zeit kommt auf die beiden Freundinnen in der völlig fremden Stadt zu…

…so sollte man jedenfalls meinen. Die Wahrheit ist aber die: Protagonistin Benedicta ist nicht nur eine aus der Reihe tanzende Nonne mit außergewöhnlich großer Klappe, sondern hat auch immer sofort einen Plan parat, wenn man eigentlich meinen sollte, dass es nun keinen Ausweg mehr gibt. Anfangs ist sie noch sympathisch, weil sie anders ist als die übrigen Klosterschwestern. Das wirkt zwar unglaubwürdig, aber dazu muss auch gesagt werden, dass die Zeit in Engelthal kaum zu ertragen gewesen wäre, wäre Benedicta eine normale Nonne und nicht die aufmüpfige junge Frau, die sie eben ist.
Im Laufe der Geschichte wird sie jedoch fast schon unerträglich. Als wäre es das Normalste der Welt, mischt sie sich besserwisserisch in die Geschäfte des Bäckermeisters Crippin Heller, Vater von Anselm, Agnes Verlobtem, ein, was sich natürlich alle gefallen lassen. Benedicta hat doch immer fantastische Ideen; und sind es nicht ihre köstlichen, wohlschmeckenden, einfach zu gut mundenden Lebkuchen, die schließlich Hellers Geschäft retten?
Andere Leser mögen beim Lesen vielleicht Lust auf jenes Gebäck bekommen haben, mir wurde der Appetit aber arg versalzen. Es heißt nie einfach nur „Lebkuchen“; nein, es sind immer „köstliche“, „fantastische“, „unglaublich leckere Lebkuchen“. Und das dauernd! Warum konnte Benedicta sich bei den Zutaten nicht einfach mal vertun? Warum musste immer alles perfekt und „wohlschmeckend“ sein? Es war ja nicht gerade so, dass sie zu Beginn besonders viel Übung im Backen gehabt hätte. Trotzdem sind ihre Werke immer gelungen, von Anfang an. Und von Anfang an waren alle begeistert.
Diese Übertreibungen lassen sich größtenteils, aber nicht nur bei den Lebkuchen finden. Sind es nicht immer „prächtige Zelter“, die irgendwelche „gut aussehenden“ Männer mit sich führen? Sind es nicht immer eben jene „gut aussehenden“ Männer, die Benedicta immer dann aus der Patsche helfen, wenn sie sich ausnahmsweise mal nicht selber helfen kann? Oh, und die Häuser natürlich! Immer „prächtig“, „prächtig“, „prächtig“… Das Haus vom Gewürzhändler Berthold etwa. Als Benedicta es zum ersten Mal sieht, wird sofort beschrieben, wie „prächtig“ es doch nicht aussieht – und, nein, ich übertreibe nicht; wer mir nicht glaubt, kann es gerne nachlesen, ich gebe nur wieder, was da steht.
Natürlich darf auch Benedictas eigenes, früheres Heim nicht fehlen. Das wird als ebenfalls „prächtiges Elternhaus“ beschrieben. Und der zugelaufene Hund ist „besonders schön“.
Zu dumm nur, dass unsere liebe Nonne sich zwar mit allem auskennt, nicht selten ein talentiertes Händchen beweist und immer einen rettenden Einfall hat, der selbstverständlich nur ihr und niemand anderem zukommen kann – sie aber einen Hund nicht von einer Hündin unterscheiden kann.
Merkwürdig fehlplazierte Bildungslücke.
Dafür braucht sie einen netten Torwärter, der sie darüber aufklärt. Jener Wärter lässt auch sie, ihre Freundin Agnes und den schicken Hund in Nürnberg hinein, obwohl er das eigentlich gar nicht darf, da es innerhalb der Stadt schon genug heimatlose Straßenköter gibt. Aber völlig egal, schließlich geht es doch darum, dass Benedicta geholfen wird, damit sie ja nur bald wieder von prächtigen Häusern und von… ah, gut aussehenden Männern schwärmen kann.
Und natürlich von ihren heißgeliebten, allseits beliebten Lebkuchen.
Noch eine interessante Tatsache: Benedicta kennt jemanden, der ihr völlig umsonst alle Gewürze beschafft, die sie fürs Backen braucht. Das sind nicht gerade wenige. Doch das einzige, was dieser Jemand – Konstantin, ein „stattlicher“ junger Mann – als Gegenleistung verlangt, sind die… na… genau: Lebkuchen. Ihm läuft ja schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er nur an das süße Brot denkt.

Es werden zwar Leute ermordet, aber schon erstaunlich kurze Zeit danach kümmert sich keiner mehr darum. Vielleicht liegt es daran, vielleicht auch einfach an den Personen, die sterben, dass die Morde alle miteinander so wirken, als wären sie nur in die Geschichte gebracht worden, damit ein bisschen mehr Pepp ins Spiel kommt.
Der Schreibstil ist einfach, knapp und leicht zu lesen. In den letzten hundert Seiten jedoch gibt es weniger Beschreibungen als Dialoge, als hätte Sybille Schrödter zu dem Zeitpunkt des Schreibens schon langsam die Lust daran verloren.

Noch etwas zum Cover des Buches, auf dem man eine Frau vor mittelalterlicher Stadtkulisse sieht. Der Hintergrund ist überwiegend in Grüntönen gehalten und soll vermutlich Nürnberg darstellen; der Name der Autorin in Braun und besonders der Titel des Buches in hervorgehobener, gelbgoldener Schrift passen besonders gut dazu.
Das Motiv im Vordergrund jedoch überhaupt nicht. Bis Benedictas Äußeres zum ersten Mal so beschrieben wurde, dass man sie sich wirklich vorstellen konnte, ist einige Zeit vergangen, und bis dahin habe ich sie mir immer so vorgestellt wie die Frau auf dem Cover. Die sieht aber keinesfalls so aus wie Benedicta. Noch dazu lässt die Qualität dieses Bildes doch etwas sehr zu wünschen übrig. Die etlichen verschwommenen Flecken, die sich vor allem auf der Haut der Frau erkennen lassen, lassen das Motiv sehr unrein und schwammig wirken.

Gesamtfazit: Zwei Punkte für die einfache Sprache, in der die Geschichte gehalten ist, und einen Punkt für das Buch selbst. Meiner Ansicht nach hat ein guter historischer Roman Informationen über die Zeit, in der er spielt, dem Leser näher zu bringen und sich ins Gedächtnis einzuprägen, ohne dabei wie ein Schulbuch zu wirken. Nun, ich möchte sicher nicht sagen, dass „Die Lebküchnerin“ von Sybille Schrödter wie ein Schulbuch wirkt, ganz im Gegenteil. Abgesehen davon, dass die Pegnitz sehr schmutzig ist und da allerlei unappetitliches Zeug herumschwimmt, habe ich rein gar nichts von Nürnberg oder einem der wenigen anderen Handlungsorte mitbekommen. Womit also das „historisch fundiert“ in der Inhaltsangabe auf der Rückseite gemeint ist, wird mir wohl demnach ewig ein Rätsel bleiben.

 

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Sybille Schrödter

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