Syrie James nimmt sich in „Dracula, my love“ der Geschichte von Bram Stokers „Dracula“ an und erzählt die Geschehnisse aus der Sicht von Mina Harker. Nun muss man nicht zwingend Stokers Original gelesen haben um der Handlung folgen zu können, denn die Autorin hat einen völlig eigenständigen Roman geschrieben.
Er beginnt damit, dass Mina, die zu dem Zeitpunkt schon mit Jonathan Harker verlobt ist, sich im Urlaub in den schönen und mysteriösen Mr. Wagner verliebt. Als Mina aber erfährt, dass ihrem Verlobten, der auf Geschäftsreise war, auf einer Burg in Transsylvanien Schreckliches zugestoßen ist, bricht sie sofort ihren Urlaub ab und eilt zu ihm. Als verheiratete Frau trifft sie in London wieder auf Mr. Wagner. Zu diesem Zeitpunkt hat sich ihr Ehemann Jonathan schon mit Dr. van Helsing und weiteren Männern verbündet um das Unwesen aus Transsylvanien, das sie als Dracula identifiziert haben, zu töten. Nachdem sich Mina immer mehr zu Mr. Wagner hingezogen fühlt, offenbart er sich ihr als genau das Wesen, dass ihr Mann töten will: Graf Dracula, ein jahrhundertealter Vampir mit großen Fähigkeiten. Es stellt sich heraus, dass Dracula ein missverstandener Gentleman-Vampir ist, der die Taten, die ihm angelastet werden nie begangen hat. Mina ist hin und hergerissen zwischen ihrem Ehemann, den sie aufrichtig liebt und dem Vampir, den sie begehrt und der ihre Hilfe benötigt. Am liebsten würde sie zunächst ihr irdisches Leben mit Jonathan verbringen um danach auf ewig als Vampir an Draculas Seite sein zu können. Unerwartete Wendungen zwingen sie allerdings dazu sich schon viel eher für einen der Geliebten zu entscheiden.
Im Klappentext heißt es an einer Stelle „In ihrem intimen Tagebuch enthüllt uns Mina Harker, dass in Wirklichkeit alles noch erregender war [...]“, was mich befürchten ließ, dass ich mich durch viele Passagen von schwülstiger Möchtegernerotik zu kämpfen haben würde.
Zum Glück bestätigte sich meine Annahme absolut nicht. Syrie James und auch die Übersetzerin Ulrike Seeberger haben einen authentischen Stil geschaffen, der der Zeit von 1890 angemessen ist. Auch das Frauenbild der Zeit wird dem Leser vermittelt und so lässt sich der Zwiespalt in dem Mina steckt, sehr gut nachvollziehen. Auf der einen Seite möchte sie ihrem Mann eine gute und ehrbare Ehefrau sein und auf der andern Seite weckt Dracula in ihr Gefühle, von denen sie weiß, dass sie unschicklich sind, denen sie sich aber auch nicht entziehen mag. Diese Gefühle werden dem Leser vor allem in der sexuellen Ersatzhandlung des Bluttrinkens sehr deutlich, wobei Syrie James das Kunststück gelungen ist, dass diesen Szenen tatsächlich eine erotische Spannung eigen ist und sie nicht unfreiwillig komisch wirken.
Insgesamt wurden meine Erwartungen in hohem Maße übertroffen. Der Leser findet hier ein Werk, in dem er die Persönlichkeitsentwicklung der sympathischen und klugen Protagonistin nachvollziehen kann und das vor spannenden und logischen Wendungen nur so strotzt.
Ich möchte auch noch erwähnen, dass sich am Ende des Buches ein aufschlussreiches Interview mit der Autorin Syrie James befindet, in welchem ihre Intention den Stoff von Bram Stokers „Dracula“ aus einer anderen Perspektive zu erzählen, sehr deutlich wird.
Ich vergebe 5 von 5 möglichen Sternen, da dieses Buch meiner Meinung nach ein Highlight seines Genres ist und es mir gefallen hat, neben den modernen „Vampirgeschichten 2.0“, die man nun so häufig findet, in den Genuss eines urtypischen Vampirromans zu kommen.