Rezension verfasst vor 1 Jahr
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Wie oft sind es nur kleine Unachtsamkeiten und kurze Augenblicke, die gravierende Auswirkungen auf das weitere Leben haben? T. C. Boyles Roman beginnt mit einem dieser Momente: Ein Mann übersieht ein herannahendes Auto, der Fahrer kann nicht mehr bremsen, der Fußgänger wird schwer verletzt. Ein Unfall, der so oder so ähnlich wohl leider nicht allzu selten ist. Doch dieser spezielle Unfall schafft Berührungspunkte zwischen zwei Welten, deren Realitäten nicht weiter entfernt sein könnten: Der Fahrer des Wagens, Delaney Mossbacher, ist ein gut situierter Umweltschützer und Schriftsteller, der mit seiner Frau und seinem Stiefsohn in einer gehobenen Wohnsiedlung, „Arroyo Blanco“, nahe Los Angeles lebt. Das Unfallopfer, Cándido, ist ein illegaler Einwanderer aus Mexiko, der mit seiner schwangeren Frau América auf der Straße, respektive im Canyon haust.
Ausgehend von diesem Unfall erzählt Boyle abwechselnd die Geschichte aus Sicht der beiden Männer und ihrem sozialen Umfeld. Cándido überlebt den Unfall, kann jedoch keinen der raren Gelegenheitsjobs mehr annehmen, mit denen er sich und seiner Frau zumindest ab und an eine warme Mahlzeit bieten konnte. Nicht nur sein Körper, auch sein Selbstbewusstsein bekommt Wunden, als diesen Part nun seine schwangere Frau übernimmt. Cándido konnte América nur mit der Aussicht auf ein eigenes Haus und ein geregeltes Einkommen nach Kalifornien locken, stattdessen vegetiert das Paar nun in einer provisorischen Behausung aus Müll vor sich hin. Und eine Besserung ist langfristig nicht in Sicht: Auf jeden kleinen Hoffnungsschimmer folgt ein ungleich schwererer Schicksalsschlag. „Schlimmer geht immer“, so könnte man die Situation der beiden illegalen Einwanderer etwas flapsig beschreiben.
Verglichen damit führt Delaney ein perfektes Leben. Seine Frau ernährt die Familie, er kann sich ganz der Natur und dem Schreiben widmen. Im Gegensatz zu seinen Nachbarn wirkt Delaney liberal und tolerant. Doch auch diese perfekte Fassade bekommt Risse. Als ein Coyote in den Garten eindringt und einen der beiden Hunde tötet, wird die Natur, die Delaney bis dato schätzte und schützte, zur Bedrohung. Der natürliche Lebensraum der Tiere und ihre artgetreuen Verhaltensweisen sollen bewahrt werden – doch was, wenn eine friedliche Koexistenz nicht mehr möglich ist und die Tiere ihrerseits den Lebensraum der Menschen gefährden? Ist das die späte Rache der Natur, die sich den Raum, den die Bewohner ihr abgerungen haben, zurückerobert?
Seine Nachbarn sehen die Gefahr weniger in der Natur als in den illegalen Einwanderern. Zum Schutz vor Einbrechern und unerwünschten Besuchern soll um die Siedlung eine Mauer errichtet werden. Delaney ist dagegen, möchte sich nicht abschotten. Doch nach und nach schlägt auch seine Sicht der Dinge um. Mit seiner Toleranz ist es vorbei, als ein Waldbrand ausbricht, für den im Canyon lebende Einwanderer verantwortlich sind…
Boyle hat mit „América“ ein zutiefst sozialkritisches Buch geschrieben, das dennoch nie in Schwarz-Weiß-Malerei abgleitet. Die wechselnde Perspektive macht es dem Leser nicht leicht, für eine der beiden Parteien Stellung beziehen. Man leidet mit Cándido, bemitleidet ihn wegen seiner Unterkunft im Canyon (die diesen Namen nicht einmal verdient), wo er sich vor Landsleuten und Polizei versteckt. Doch auch Delaneys Reaktion ist nachvollziehbar, als er bei einer Wanderung durch den Canyon zurückgelassenen Müll entdeckt und sich über die Menschen ärgert, die dort unerlaubterweise campieren und die Natur zerstören – ohne dabei zu realisieren, dass dies nicht aus freiwillig oder aus Abenteuerlust passiert.
Gleichzeitig deckt Boyle mit einem ironischen Augenzwinkern die Absurdität im Denken der Bewohner von „Arroyo Blanco“ auf: Mit Hilfe der Mauer sollen unter anderem die illegalen Einwanderer ferngehalten werden, doch zur Verteilung von Flugblättern, die für die Mauer werben, und schließlich zum Bau der Mauer werden ebendiese Einwanderer zu einem Spottpreis beschäftigt.
Trotz der gesellschaftskritischen Thematik, die das 1995 erstmals erschienene Buch mittlerweile zum festen Bestandteil des Unterrichts in den USA gemacht hat, handelt es sich bei „América“ um eine äußerst spannende und spritzige Lektüre, die eine wahre Sogwirkung entwickelt und auch nach der letzten Seite noch lange nachwirkt.
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