Leser-Rezension zu „Der Samurai von Savannah” von T. C. Boyle
am 14.07.2009
Habe ich jemals ein Buch so subjektiv genossen? War es jemals so egal, wovon es eigentlich handelt? – einzig und allein das WIE des Erzählens zählt. Ein Autor kann schreiben, wovon er will; wenn er einen spezifischen originellen Blick auf die Ereignisse wirft, wenn er seine „Lesart“ rüberbringen kann und wenn der Leser, hier ich, durch irgendeinen Zufall oder eine Gestimmtheit bereit ist, sich auf die Geschichte und die Sicht- und Erzählweise einzulassen, dann entsteht so etwas wie Glück. Und hier scheint es mir noch mehr zu sein. Denn normalerweise wünsche ich einem guten Buch, es möge nie enden, bin ich, nun ja, enttäuscht, wenn der Schluss gekommen ist. Und wie viele Buchgeschichten haben gar keinen "richtigen" Schluss… Anders hier: Diese wunderbare Geschichte, ich nenne sie jetzt mal für mich „die Geschichte von der Suche nach der Stadt der brüderlichen Liebe“, geht zu Ende. Ziemlich sehr heftig, aber nicht abrupt und gekünstelt. Und alles, was davor geschieht, bildet ein Panoptikum der Kulturen, eine Kritik des „amerikajin“, eine Kritik der Schriftsteller-Szene, eine Kritik der Menschen und sogar der Menschlichkeit – aber…mit so viel Herz! Selbst die bissigste Ironie kann nicht verhehlen, dass T.C.Boyle die Menschen nicht nur sieht und versteht und durchschaut, sondern auch liebt. Oder bin ich das und dies ist nur eine von vielen möglichen Interpretationen? Egal, ich bin begeistert. Die Geschichte des Matrosen Hiro, der sein Schicksal in die Hand nimmt und ihm dennoch nicht entfliehen kann, ist spannend, ohne diese manchmal unerträgliche Atemlosigkeit, mit der manche Autoren ihre Geschichten „überspannen“. Die Geschichte der Künstlerkolonie „Thanatopsis“ und ihrer Bewohner, vor der Küste Georgias auf Tupelo Island – wahrhaft ein Sumpf und ein Paradies zugleich. Die Geschichten und ihre Verwicklungen, ein Meisterstück der Handweberei, der Flickschusterei, der Erzählkunst! Was ich selbst den besten Büchern ankreide, nämlich inhaltliche Ungereimtheiten, ist hier derart minimal, dass ich es nur erwähne, um dieses lästige Staubkrümel sich selbst zu überlassen. Danke, T.C.Boyle, es waren wunderschöne Tage mit Dir, noch selten war ich so froh, dass meine S-Bahn so lange braucht…

