Leser-Rezension zu „Drop City” von T. C. Boyle
am 14.08.2010
Der Roman erzählt zwei Geschichten. Die von Sess und Pamela, die in Alaska heiraten und überleben, die sich dort einrichten und deren Kampf gegen Joe Bosky, der es aus irgendeinem Grund auf Sess abgesehen hat. Und er erzählt die Geschichte einer Hippiekommune, insbesondere der Leben von Pan, Star und Marco, die von Kalifornien nach Alaska zieht und sich etwas blauäugig den Bedingungen dort stellt.
Die Charaktere sind einprägsam und genau gezeichnet, manchmal vielleicht etwas übertrieben und in den Nebenfiguren manchmal etwas eindimensional. Die Landschaften sind lebendig und werden spürbar und sinnlich geschildert.
Insgesamt ist das Werk in für Boyle typischer Art etwas geschwätzig und man verpasst nichts, wenn man mal einige Zeilen überspringt oder sehr rasant quer liest. Auch geht durch die Detailbesessenheit zuweilen die eigene Fantasie etwas verloren.
Der für mich spannendste Konflikt war der zwischen den der kapitalistischen Gesellschaft überdrüssiger Stadtkinder, die vegetarisch zurück zur Natur wollen und den Lebensgewohnheiten derer, die ohnehin fernab des schlimmsten Kapitalismus lebend auf Fleisch zum Überleben nicht verzichten können. Insofern war es eine gute Idee, die Hippies ausgerechnet nach Alaska ziehen zu lassen, denn dort prallen verwöhnte Luxusaussteiger auf eine Welt, die sich so doch nicht herbeigesehnt hatten, obwohl sie doch dem propagierten Ideal am nächsten kommen müsste. Andererseits wertet genau dieses Setting die Motive der Hippies natürlich herab, denn die Fragen, die sie stellen, waren natürlich genau so wichtig und berechtigt wie die, die Pamela den Kommunemädchen bezüglich des Drogenkonsums stellt.
Die individuellen Motive, sich der Bewegung anzuschließen, sind dort, wo sie genauer beleuchtet wurden, natürlich so verschieden wie sie nur sein können. Politische Überzeugungen verkommen auch so oft zu Phrasen und der Frage: Waren die Hippies überhaupt politisch?
Das Buch ist auf alle Fälle unterhaltend, für mein Gefühl dennoch mindestens 100 Seiten zu lang, trifft in Beschreibungen sicher Geist und Atmosphäre der Hippiebewegung, auch, wenn ich die nach wie vor wichtig finde.

