Meine Meinung:
Grundsaetzlich langeweile ich mich sehr oft, wenn ich "Belletristik" lese - als Fantasyleser braucht man oft das Reinleben in andere Welten, in Unnatuerliches. Wenn man Belletristik liest, muss man sich meistens mit Alltagsdingen konfrontieren. Ich neige dann dazu, "quer zu lesen"... bei Drop City war das anders. Ist es bei T.C. Boyle uebrigens immer irgendwie. Er schafft es, auch den trivialsten Begebenheiten etwas Sonderbares abzugewinnen.
Das Buch faengt an wie man's erwartet: Kommunenleben, Spaß, Musik und Drogen und das 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Boyle laesst sich viel Zeit alle Charaktere der Kommune recht ausfuehrlich vorzustellen. Ich mochte es sehr, dass er gerade am Anfang volles Tempo darauf verwendet, einem das Spießerleben so richtig mies zu machen - man wuenschte sich beinahe, Teil dieser Spaßgesellschaft zu sein. Aber eben auch nur beinahe, denn Boyle hat ueber das ganze Buch hinweg all die kleinen Gehaessigkeiten, schlechten Charakterzuege gestreut, die am Ende den Zerfall der Kommune herauf beschwoeren. Das Verfaulen von Innen. Aber ob sie tatsaechlich verfallen wird, verrate ich hier natuerlich nicht ;)
Irgendwann ist allerdings Schluss mit Sonne, kostenlos Wohnen mit Strom, Drogen, Alkohol und leben von der Stuetze. Drop City muss sich auf den Weg machen in den Norden, denn ihr großer Guru Norm hat noch einen Trumpf im Aermel... eine Blockhuette in Alaska - leben von dem, was die Natur so hergibt. Dass ewige Nacht und klirrende Kaelte nicht nur romantische Gefuehle heraufbeschwoeren, wollen die Hippies sich da noch gar nicht vorstellen.
Fand ich die Drop City-Kommune im sonnigen Sueden noch recht ermuedend und dachte auch (trotz Boyles tollem Schreibstil) schon an den naechsten erloesenden Fantasyschinken, den ich nachschieben wollte, so wurde Drop City-Nord und der Weg der Kommune nach Alaska geradezu grandios. Auch die Einfuehrung des "Trappers" Sess und seiner Frau Pamela waren eine willkommene Abwechslung. Sess ist einfach ein knorke Kerl, ein richtiger Naturbursche... und mein absoluter Lieblingscharakter aus dem Buch.
Ich wuerde das Buch guten Gewissens weiterempfehlen - besonders an Leute, die eh gerne ueber die wilden 60er und 70er lesen. Dieses Buch bedient alle Klischees und ist doch durchzogen von Boyles sonderbaren Ideen und teilweise grenzwertigen (aber absolut realistischen) Blicken in die Abgruende der menschlichen Seele.
Ein Sternchen zieh ich ab, weil ich einfach fuer das Genre zu ungeduldig bin und wenn nicht hinter jeder Ecke eine Ueberraschung wartet, ich das leicht als langweilige Laenge empfinde... aber das soll nicht abschrecken :)