Leser-Rezension zu „Wassermusik” von T. C. Boyle
am 7.10.2011
Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es sich bei "Wassermusik" um das beste Buch handelt, das der amerikanische Autor T. C. Boyle bisher abgeliefert hat. Die Gründe dafür sind derer viele: An erster Stelle ist es natürlich Boyles komödiantisches Talent, welches sich hier in fast jeder Zeile wieder findet und trotzdem die unheimlich dichte Erzählform in keinster Weise zu schmälern vermag. Wer bei diesem Buch nicht schmunzelt, nicht zumindest einmal ein Grinsen im Gesicht hat, der geht wohl zum Lachen in den Keller. Und die Tatsache, dass hier eigentlich die Geschichte einer real existierenden Persönlichkeit erzählt wird, verleiht dem Ganzen noch das gewisse Etwas.
Im Mittelpunkt steht der junge Entdeckungsreisende Mungo Park, der, von Abenteuerlust beseelt, um 1800 herum den Gedanken fasst, als erster Weißer den Niger in Westafrika zu erforschen. Vom Reisen und Kartographie hat er gleichfalls wenig Ahnung und auch die Tatsache, dass wilde Tiere und wenig zivilisierte Eingeborenstämme die Gegend bevölkern, kann ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen. Ihm zur Seite steht der afrikanischstämmige Ex-Sträfling Johnson, der von nun an alle Hände voll zu tun hat, seinen Herrn vor dem Tode und Schlimmeren zu bewahren, denn Park gerät dank seiner Naivität mehr als nur einmal vom Regen in die Traufe. Derweil sorgt sich daheim in Schottland Mungos Geliebte und spätere Frau Allie Anderson, die sich ständigen Eroberungsversuchen aus dem Umfeld ausgesetzt sieht. Eine bewundernswerte Treue, die beinahe grotesk wirkt, wenn gleichzeitig viele Kilometer weiter südlich ihr Geliebter die richtigen Löcher bei einer unglaublich dicken Häuptlingsgattin sucht, um dieser Befriedigung zu verschaffen und damit sein, wieder einmal, bedrohtes Leben zu retten...
Mehr als dieser kleine Vorgeschmack soll nicht verraten werden, aber wohl genügen, um einen Einblick in dieses Buch zu erhalten, dass sich von der ersten Seite an wie aus einem Guss liest. Auch wenn der Anarcho-Humor nicht jedermanns Sache sein wird, "Wassermusik" ist ein literarisches Meisterstück, das sowohl mit Ironie, als auch viel Gefühl und Einfühlsamkeit die Odyssee eines Entdeckungsreisenden schildert, der in gewisser Weise auch das Sinnbild des damaligen Kolonialherren verkörpert. Er ist der Held und doch keiner, da es meist Johnson oder die ach so rückständigen Eingeborenen sind, welche ihm den Weg ebnen, was durchaus als Kritik am Herrenrassendenken der damaligen Zeit zu verstehen ist. In gewissem Sinne verkehrt Boyle Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt" ins Gegenteil. War dort der ausländische Diener Passepartout noch der naive Pechvogel, ist es hier genau andersrum.
Ein eindeutiges Erfolgsrezept, denn "Wassermusik" liest sich so tempo- und abwechslungsreich wie eine Achterbahnfahrt und spielt mit den Gefühlen des Lesers wie auf einer Gitarre. Hat man sich auf einer Seite noch vor Lachkrämpfen geschüttelt, weiß an anderer Stelle Boyles poetische Sprache zu rühren, so dass es einem Selbige verschlägt. Die Art und Weise wie der Autor dann letztendlich die anfangs noch parallel laufenden Handlungsstränge zusammenführt, ist schlichtweg meisterhaft und setzt die Krone auf eine rundum unterhaltsame Lektüre.
Insgesamt ist "Wassermusik" ein gewitzter, fesselnder und unheimlich lesenswerter Roman, den man jeder Leserratte einschränkungslos ans Herz legen kann. Eine bitterböse Satire auf westliche Arroganz und Ignoranz zur Kolonialzeit, die ihresgleichen sucht und eins meiner absoluten Lieblingsbücher.

