Wann immer ich nun in Zukunft Gelüste auf Corn-flakes zum Frühstück bekomme, werde ich diese allseits bekannte Schachtel nur mit einem breiten Grinsen aus dem Schrank nehmen können und daran ist T.C. Boyle Schuld. Nein T.C. ist nicht ein verflossener Liebhaber oder der dämlich grinsende Werbemensch, der perfekt frisiert und schon morgens erschreckend gut gelaunt seine Kraft aus eben diesen Weizenflocken zieht, die er ständig in die Kamera hält - nein, T.C. ist der Autor des Buches, über das ich nun berichten möchte. ( - Nur falls es jemanden geben sollte, der ihn noch nicht kennt)
Bevor ich auf die Corn-flakes zurückkomme, kurz etwas zu diesem Schriftsteller, der mich absolut fasziniert, seit ich seinen Roman "Wassermusik" verschlungen habe. T.C. wurde 1948 als Sohn irischer Einwanderer in Peekskill geboren. Sein Vater war Alkoholiker, was seine Kindheit stark prägte. Er studierte Englisch und Geschichte und erwarb 1977 den Doktortitel in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts. Er ist seit 1974 verheiratet, lebt mit Frau und drei Kindern in Santa Barbara in Kalifornien und liebt das Schreiben so sehr, dass er jedes Jahr einen Roman herausbringen will, wie er sagt. Bisher sind 10 Romane und mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten von ihm erschienen. Hier kann man mehr über ihn lesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/T.C.Boyle
Nun aber zu den Corn-flakes:
Nein, das Buch handelt nicht direkt von den nahrhaften Weizenflocken, doch Dr. John Harvey Kellogg, der Erfinder von Corn-flakes, Erdnussbutter, Malzkaffee, Bromose, Nuttolene und ca. 75 weiteren gesunden (wie er sagen würde "gastrisch einwandfreien") Lebensmitteln, spielt hier eine Hauptrolle. Bevor ich erzähle, wovon es nun handelt muss ich vielleicht noch erwähnen, dass T.C. Boyle hier keine wahre Geschichte oder gar die Biografie des Doktors erzählt - Er nimmt einfach eine reale Person, historische Fakten und macht einen Roman daraus:
Da ist zum einen der oben erwähnte Dr. Kellogg, der in der Stadt Battle Creek ein Sanatorium führt, dass sich der gesunden Lebensweise verschrieben hat.
Weitere Hauptpersonen sind Mrs. und Mr. Lightbody, die nach diversen gesundheitlichen Schicksalsschlägen dieses Sanatorium besuchen und einen amüsanten Nebenpart hat Mr. Charles Ossining, der ins Frühstücksflockengeschäft einsteigen will und mit einigen gesammelten Dollars nach Battle Creek reist, um mit dem inzwischen berühmten Namen der Stadt ein Geschäft, ja ein Imperium aufzubauen.
Dr. Kellogg hat dieses Sanatorium zu seinem kleinen Staat ausgebaut. Er ist der Alleinherrscher und versucht seine Patienten mit allen Mitteln von der "physiologischen Lebensweise" zu überzeugen. So hält er eindrucksvolle abendliche Vorträge über die fatalen Folgen von Fehlernährung und die schlimme, ja tödliche Wirkung von Sex. Er verabscheut Sex und hat mit seiner Frau aus diesem Grund 42 Kinder adoptiert, die er streng vegetarisch aufzieht. Nebenbei dürfen sie als Versuchskaninchen für seine neuesten Nahrungsmittelkreationen herhalten. Man hat den Eindruck, dass alles, was er beginnt, gelingt (er selbst von sich übrigens auch). Dieser Mann erträgt kein Scheitern und doch gibt es da einen schlimmen Fehler aus seiner Vergangenheit, der ihn ständig zu verfolgen scheint: Sein Adoptivsohn George. Kellogg hatte gewettet, dass es möglich sei, ein Kind aus den schlimmsten sozialen Verhältnissen zu reißen und einen wertvollen Menschen aus ihm zu machen. Leider entwickelt sich George zu einem Trunkenbold und erscheint zu unregelmäßigen Zeiten völlig verwahrlost in seiner Klinik und droht, den sauberen Ruf des Harvey Kellogg zu ruinieren.
Will Lightbody, der es nach Alkohol- und Drogenkonsum ziemlich heftig am Magen hat, wird von seiner Frau Eleanor, die sich der physiologischen Lebensweise verschrieben hat, in die Klinik gedrängt, um mit ihr gemeinsam nach der neuen Ernährung und Philosophie des Dr. Kellogg zu leben und zu genesen. Kaum in der Klinik, wird er von seiner Frau getrennt, muss unzählige Klistiere ertragen und wird auf eine rigorose Milchdiät gesetzt. Und während er leidend im Speisesaal mit euphorischen Anhängern der gesunden Kost am Tisch sitzt und seine Frau schmerzlich vermisst, wächst langsam eine Abneigung gegen den Verursacher seiner Misere. Als er eines Abends zu Eleanor ins Zimmer geht, weil er nach Wochen der Enthaltsamkeit den Drang verspürt, mit seiner Frau Sex zu haben, wird er erwischt. Ein guter Zeitpunkt, für eine Leseprobe:
Die niederen Begierden
Ein erwartungsvolles Schweigen senkte sich über die für den abendlichen Vortrag im großen Empfangssaal versammelte Menge. Die Palmen standen unerschütterlich in ihren irdenen Töpfen, hie und da kämpfte ein auf die Psyllium-Diät gesetzter Patient, gegen den Drang, die Toilette aufzusuchen, und die von Milch aufgeschwemmten Tycoons waren plötzlich so hellwach wie ein Truthahn, der im staubigen Hof einen Fleck erspäht. Dr. Kellogg hatte eben einen Donnerkeil geschleudert - ein Paar sitze unter ihnen, so verkündete er, Anfänger in der physiologischen Lebensweise, die sich entgegen seiner ausdrücklichen Anordnung ehelichen Beziehung hingegeben hätten und von nun an die Konsequenzen würden tragen müssen - , und jetzt schwieg er, um diese erstaunliche Information wirken zu lassen. Dreihundert Augenpaare waren auf seine rundlichen weißen Chirurgenhände geheftet, als er sich aus dem Krug auf dem Pult ein Glas Wasser einschenkte. Dreihundert Augenpaare sahen zu, als er das Glas gegen das Licht hielt, als wolle er sagen: Seht her, hier ist alles, was das menschliche Tier braucht, um seine Gelüste zu befriedigen, aqua pura und eine Handvoll Wurzeln und Nüsse, und dreihundert Augen verfolgten das Glas bis zu seinen Lippen und das delikate physiologische Auf und Ab seines Adamsapfels, als er es leerte. (…) "Ich erwähne die Überschreitung nicht leichthin, meine Damen und Herren," sagte er, stellte das leere Glas ab und bedachte das Publikum mit seinem strengsten Blick, "sondern als warnendes Beispiel für sie alle und als strenge Mahnung, das größte Risiko für Leben und Gesundheit zu vermeiden, das ich mir vorstellen kann!" Jetzt fing er an, sich zu ereifern, sein Gehirn voll gestopft mit einem Wirrwarr medizinischer Ausdrücke, grauenerregender Statistiken und Namen hervorragender Ärzte und eindrucksvoller Befunde, seine Arme zuckten ständig hin und her, weil er keine Geste vollständig ausführte, seine Füße machten sich selbständig - und plötzlich stand er nicht mehr hinter dem Pult, sondern aufrecht und beherzt zwischen den guten, aber fehlgeleiteten Menschen, die sich versammelt hatten, um ihn zu hören…(…) "Ich möchte hier noch etwas betonen, meine Damen und Herren, die sie nach Gesundheit und der rechten Lebensweise streben, denn Mr. Taylor trifft den Nagel aus den Kopf: Exzessives Ausleben geschlechtlicher Gelüste führt bei verheirateten Paaren zu ebenso großen und andauernden schädlichen Auswirkungen, wie bei allein stehenden Männern und Frauen und ist nicht mehr oder weniger als legalisierte Prostitution. Meine Damen und Herren, ich wiederhole, legalisierte Prostitution!! …
Kellogg ist also ein ziemlich fanatischer Anhänger seiner eigenen Überzeugungen und erwartet diese Konsequenz von seinen Patienten, Mitarbeitern und Kindern auch. Täglich arbeitet er an neuen Vorträgen und lässt sich eindrucksvolle Beispiele und Manipulationen einfallen, um seine Thesen zu untermauern. So richtet er zum Beispiel einen Wolf ab ausschließlich Gemüse zu fressen, in dem er ihn jedes Mal hart bestraft, wenn er auch nur den Versuch macht, in ein Stückchen Fleisch zu beißen, und zeigt seinen ihn bewundernden Zuhörern, wie "glücklich und zahm" Wölfe sein können, wenn man sie auf vegetarische Kost setzt. Es könnte also alles so schön sein, wären da nicht der zweifelnde Mr. Lightbody und George, die ihn immer wieder herausfordern und letztlich sogar sein Lebenswerk in Gefahr bringen…Mehr sei hier nicht verraten.
Mein Eindruck
T.C. Boyle hat hier eine wundervolle Charakterstudie geschaffen. Er erzählt die Geschichte eines Gurus, Perfektionisten und Fanatikers. Menschen, wie den fiktiven Dr. Kellogg gab und gibt es immer wieder und wenn sie ihre Macht auch nur einsetzen, um Menschen gesund zu machen, oder vermeintlich Erleuchtung zu bringen, so zeigt er anhand vieler kleiner Geschichten und der Gedanken dieses Mannes auf, wie gefährlich sie sein können. Boyle macht das in diesem Buch, wie auch schon in "Wassermusik" auf eine Art, die einen erst schmunzeln lässt und dann nachdenklich stimmt. Wer schon einmal erlebt hat, wie gutgläubige Menschen auf vielerlei Manipulationen hereinfallen, ihrem Guru jedes Wort von den Lippen ablesen und oft in vorauseilendem Gehorsam alles tun, was von ihnen erwartet wird, der erschrickt, wie gut T.C. Boyle es schafft, solche Situationen zu schildern. Es ist kein Buch, das mich mit seiner Spannung am Lesen gehalten hat, sondern es ist die Fähigkeit des Autoren einen in die Geschichte des Sanatoriums hineinzuziehen. Er schreibt so lebendig und mit einem so intelligenten Witz, kommt niemals mit heftigen Worten daher und gibt dem Leser ein dankbares Gefühl, nicht so dumm und so leicht manipulierbar zu sein, wie die geschilderten Personen, oder deren Schicksal (unzählige Gläser Milch als einzige Ernährung, heiße Paraffin-Klistiere, oder die nach Pappe schmeckende Aufbaukost) erleiden zu müssen. Man schüttelt den Kopf und fragt sich, warum sich diese Leute freiwillig in solch ein Sanatorium gehen, man überlegt, wie der Doktor so tief in ihre Privatsphäre eindringen kann und man ist erstaunt, dass sie dafür auch noch viel Geld bezahlen.
Die knapp 630 Seiten waren schnell gelesen und ich habe mich keine Minute auch nur ein bisschen gelangweilt, sondern häufig laut lachen müssen über soviel Dummheit und Fanatismus. Aus diesem Grund empfehle ich diese Lektüre uneingeschränkt weiter und klebe dafür 5 hübsche Sternchen auf das Cover…
Willkommen in Wellville
T.C. Boyles
ISBN 3-423-20905-4
Deutscher Taschenbuch Verlag
9,90 Euro
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